Die Neugier erwacht

Lesung und Gespräch mit Vindela Vida über ein Buch, das besonders auf den zweiten Blick beeindruckt.

»Gehen Sie! Gehen Sie einfach!« Was für eine außergewöhnliche Begrüßung. Wäre es vielleicht wirklich besser, einfach wieder zu gehen?

Schon das Betreten des Lesungsortes naTo vermittelt ein eigenartiges Gefühl. Hier soll eine Lesung stattfinden? Es sieht aus, wie eine ganz normale Kneipe. Die Leute, nahezu alle über 30, sitzen mit ihrem Bier an den Tischen und sind in Gespräche mit ihren Begleitern vertieft oder verstecken sich hinter Zeitungen. Unsicherheit macht sich breit. »Um die Ecke, hinter dem Vorhang.« Durch den Hinweis des Barkeepers fällt die Aufmerksamkeit auf den schweren grauen Vorhang. Der Eindruck, es handle sich um Privaträume der Angestellten, ist weit verfehlt. Das Licht ist dämmrig, eine kleine Bühne kommt zum Vorschein. Rot gepolsterte Stühle laden zum Verweilen ein. Verborgen hinter der Kneipe, befindet sich eine Art kleines Theater. Die Zeit des Erstaunens ist kurz, denn augenblicklich ertönt eine weibliche Stimme: »Gehen Sie! Gehen Sie einfach!« Nach einem kurzen Moment des Überlegens wird klar: Hier wurde soeben eine Lesung beendet. Allem Anschein nach hat eine junge Dame im Publikum eine unangebrachte Bemerkung gemacht, welche die Autoren so in Rage gebracht hat. Auch die anderen Besucher sind empört. Aufgrund dieses Vorkommnisses verzögert sich der Beginn der Lesung.

Mit fünfzehn Minuten Verspätung treten vier Personen auf die Bühne. Der amerikanische Generalkonsul eröffnet die Veranstaltung auf Englisch, dann tritt er von der Bühne ab. Der Moderator, Daniel Haas, eröffnet das Gespräch mit Vindela Vida. Für einen Redakteur der ZEIT verwendet er ungewöhnlich häufig den Ausdruck ähm. Auch das Übersetzen der Antworten Vidas geschieht stockend. Während Vida ausführlich auf die Fragen von Haas eingeht, wird schnell klar: Das Publikum versteht Englisch. Pointen, wie dass sich jeder mal eine Aufnahme von sich auf einem Überwachungsvideo ansehen sollte, da alle in schwarz-weiß besser aussähen, nimmt das es mit Freude und viel Gelächter auf. Plötzlich verstummen alle.

taucherEine dunkle weibliche Stimme bezaubert die Anwesenden. Annett Sawallisch beginnt den Anfang des Buches zu lesen. Ihre Art, der Erzählerin eine Stimme zu verleihen, ist unglaublich faszinierend. Wer das Buch liest wird feststellen, dass es mühsam ist. Die Erzählerin ist eine typische Ich-Erzählerin. Die Hauptfigur erlebt etwas und berichtet es, aus ihrer Sicht.

Doch anstatt die Ich-Form zu verwenden, benutzt sie die Du-Form. Diese Art des Erzählens ist heutzutage besonders bei jungen Menschen beliebt. Dann zählt die Form der Höflichkeit auch nicht mehr. Einem fremden Menschen wird gerade Erlebtes in den Mund gelegt und erzählt, als wäre er ein langjähriger Freund: »Als du deinen Platz findest, wirfst du einen Blick auf den Geschäftsmann neben dir…« So beginnt das Werk. Diese Schreibeweise erschwert den Lesefluss. Aber gelesen von Annet Sawallisch, macht es das Buch einzigartig. Plötzlich fühlt man sich tatsächlich einbezogen. Auch das Gespräch im Anschluss mit Vida erläutert ihre Beweggründe für die teilweise absurden Charaktere der Figuren, Charaktere, die nicht von Beginn an darauf aus sind, dass sich der Leser in die Figur verliebt: Jeder hat Fehler, jeder ist auf eine gewisse Weise absurd.

Die Veranstaltung, wenn gleich sie auf so unschöne Weise begann, verläuft gut. Sie eröffnet eine neue Sicht und erweckt die Neugier, sich trotz holpriger Perspektive und unendlicher Anaphern darauf einzulassen und das Buch kennen zu lernen. Dennoch bereitet es wohl das meiste Vergnügen, sich aus dem Werk von Annett Sawallisch vorlesen zu lassen. Das ist wohl die beste Möglichkeit, die Kunst in diesem Werk gänzlich zu begreifen und zu genießen.


 

Die Veranstaltung: Des Tauchers leere Kleide – Lesung und Gespräch mit Vindela Vida und Annett Sawallisch , Moderation: Daniel Haas, 17.3.2016, 20 Uhr

Das Buch: Vindela Vida: Des Tauchers leere Kleider. Berlin, 2016, 252 Seiten, 19,95 Euro


 

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Die Rezensentin: Anna-Sophia Schmidt

 

 


 

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