»Die Mode ist der Apéritif des Liebesgenusses«

Eine Zeitreise mit Helen Hessel

Von Michael Hoffert

Die Bretter des Bodens träumen von durchtanzten Nächten. Die nackten Mauern zeugen von der längst vergangenen Blüte der Gründerzeit. Tatsächlich ist die Luft des Raumes weder tot noch staubgeschwängert, sondern von Leben erfüllt. Ob die Töne und die knisternde Spannung des argentinischen Tangos von den Ziegeln aufgesogen und jetzt, an einem Abend der Worte, wieder abgegeben werden? Das gedämpfte Licht trägt das Seinige dazu bei. Vieles, was in der Welt das draußen Bestand hat, scheint an diesem Abend in der Tangomanie der Gesetzmäßigkeiten enthoben zu sein. Zumindest die Zeit entwickelt hier – da bin ich ganz sicher – eigene Spielregeln.

Der Empfang wirkt für den flüchtigen Blick einfach. Die Mehrzahl der im Raum aufgestellten Holzstühle ist unbesetzt. Dagegen haben die dazwischen platzierten Sofas schon etliche Liebhaber gefunden. Das Publikum – vorwiegend reiferen Alters – macht den Eindruck gegenseitigen Kennens und Erkennens. Ein bisschen wähnt man sich wie auf einer unwirklichen Familienfeier, da sich wohl alle gut miteinander verstehen. Auf dem Programm des Schweizer Verlages Nimbus. Kunst & Bücher steht ein Abend, der uns Helen, Franz und Stéphane Hessel näherbringen wird. Helen und Franz sind Eingeweihten als Figuren aus dem Film »Jules et Jim« von François Truffaut bekannt. Ihr Sohn Stéphane wurde, kurz vor seinem Tode, noch einmal in weiten Kreisen bekannt mit seiner Streitschrift »Empört Euch!«. Anlass des Abends ist eine Lesung aus dem Buch »Ich schreibe aus Paris. Über die Mode, das Leben und die Liebe« mit Texten von Helen Hessel.

Aber ich greife vor. Den Abend beginnt der Verleger Bernhard Echte mit einer Vorstellung der Familie Hessel und Auszügen aus dem Roman »Pariser Romanze«. Wir befinden uns am Vorabend des Ersten Weltkrieges in der feinen Pariser Gesellschaft. Franz Hessel beschreibt das Erblühen einer Liebe, welche den Konventionen der Zeit weit vorauseilt. Seine Worte fließen wie ein leichter Frühlingswind und lassen die Gefühle einer großen Verliebtheit und das Entstehen der einen Liebe erspüren. Ein bitterer Nachgeschmack bleibt, da Franz Hessel diese Worte seiner Erinnerung, seine Liebeserklärung an seine Frau zu Papier bringt, während diese gerade dabei ist, sich in ihrer beider Freund Henri-Pierre Roché zu verlieben.

Doch wir bleiben nicht lange traurig. Den zweiten Teil des Abends bestreitet die Verlagsmitarbeiterin Julia Knapp. Stilecht in Mode, Schmuck und Auftreten der 20er Jahre präsentiert sie Texte von Helen Hessel. Diese ist, um ihrem Liebhaber näher zu sein, nach Paris gezogen. Von dort schreibt sie für verschiedene deutsche Zeitschriften über die aktuelle Mode. Wer jetzt dröge Auflistungen von Schnittmustern und Stofffarben erwartet, wird schwer enttäuscht – oder vielleicht auch angenehm überrascht? Helen Hessel will in ihren Texten vor allem eines: unterhalten. Wer intelligentes Feuilleton mag, kommt hier voll auf seine Kosten. Sie zeigt ein lebendiges Bild vom Paris der Zeit. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und sprüht vor Witz. Sie erkennt kleinste Änderungen in der Welt der Mode und weiß diese zu interpretieren. Aus ihren Worten spricht eine Freude am Genuss:

»Sie wissen, welch eine Rolle die Kleidung im Leben jeder Frau spielt, Sie wissen, wie sehr das Bewußtsein, schön und begehrenswert zu sein, alle Gaben der Anmut, Liebenswürdigkeit und des Geistes zur Entfaltung bringt. Kein Wunder, daß diese mit ausgesuchter Eleganz gekleideten Frauen imstande sind, Künstlern und Staatsmännern, Malern, Schriftstellern, Bildhauern und Architekten neue Visionen für ihr Schaffen zu geben, sie anzuregen, ohne auch nur den Versuch zu machen, sie zu überzeugen. Wir sollten solche Frauen nicht beneiden. Es ziemt sich nicht. Sie schmücken uns, indem sie sich schmücken. Sie repräsentieren unser aller Verlangen und Bemühen um die Schönheit.«

Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch das Spiel von Julia Knapp. Sie scheint beim Lesen mit jeder Faser ihres Körpers mitzuleben und dies überträgt sich auch auf das Publikum. Wir sitzen fasziniert, gebannt und lauschen. Deutlich wird dieser Eindruck, als sie sich mit Verleger Bernhard Echte zu einem Duett trifft und ein »Indiskretes Interview« inszeniert. Hier treffen die Leichtigkeit und der Überschwang der Damenmode auf die betonierte Sturheit der Herren: »Was trägt der elegante Herr in diesem Winter?« »Dasselbe, was er immer getragen hat …«

Abschließend liest Echte noch einige Worte aus der Biografie von Stéphane Hessel. Leider musste der angekündigte Autor dieser Biografie Manfred Flügge kurzfristig absagen. Trotzdem weiß Echte auch diesen Worten eine Stimme zu geben und bringt uns mit diesen wieder in das Hier und Jetzt. Draußen sind vielleicht ein oder zwei Stunden vergangen, doch wir haben 100 Jahre genießen dürfen. Nur zögernd löst sich der Abend beim Gespräch mit Julia Knapp und Bernhard Echte und entlässt uns alle in die Nacht.


Zum Buch: Helen Hessel »Ich schreibe aus Paris. Über die Mode, das Leben und die Liebe«; Nimbus. Kunst & Bücher; 380 Seiten, 75 Illustrationen, fadengebunden, Halbleinen, CHF 39,00 / Euro 32,00, ISBN 978-3-03850-003-2

Zur Veranstaltung: Freitag, 13. März 2015, 19 Uhr, Tangomanie, Hans-Poeche-Straße 2, 04103 Leipzig

 

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