Die Last der Freiheit

Das Dilemma einer Generation.

Die Generation der heute 30-Jährigen ist die vielleicht am meisten besprochenste in ihrer eigenen Gegenwart. Nach »schneller, höher, weiter« der Generation X folgt nun der große Absturz. Angeblich haben sie alles: die beste Ausbildung, die besten Arbeits- und Aufstiegschancen, die größte Freiheit. Aber sie sind depressiv, zweifelnd, fragend, antwortlos, flüchtend. Von später Adoleszenz oder vorgezogener Midlife-Crisis ist da die Rede. Stimmt das?

In ihrem Debütroman »Traurige Freiheit« gelingt Friederike Gösweiner mit erschreckender Leichtigkeit, dem Leser ein Leben vor Augen zu führen, das einzigartig und doch das Leben vieler ist. Schnörkellos, ohne Verklärung und Selbstmitleid, aber auch ohne in Banalität abzurutschen. Eben alles andere als Trivialliteratur – so stellt Rainer Götz, Lektor des Droschl-Verlags, Friederike Gösweiner und ihr Buch auf der Leipziger Buchmesse vor.

»Obwohl niemand etwas falsch gemacht hat, geht hier alles den Bach runter.« Angefangen mit der Trennung der Protagonistin von ihrem Freund: denn Hanna hält als freie Journalistin die gelegentlichen Aufträge auf Abruf nicht mehr aus. Sie möchte mit einem Praktikum in Berlin versuchen, eine sicherere Existenz zu erreichen. Sechs Monate lang, 800 Kilometer weit weg – das will Jakob nicht aushalten. Also macht sich Hanna allein auf den Weg, der immer wieder von dem Motiv des Fallens begleitet wird. Die Freiheit wird zur Haltlosigkeit, die Haltlosigkeit zur ständigen Selbstbefragung: Wo muss ich hin? Was muss ich tun? Wie muss ich sein? Warum werde ich nicht gewollt?

Friederike-Gösweiner-copyright Thomas Larcher-schwarz-weiss-honorarfrei»Eine prototypische Situation dieses Lebens, dieser permanenten Casting-Show«, sei der Einstellungstest Hannas, den Gösweiner nun auf der Buchmesse vorträgt. Hanna reibt sich die Hände, damit ihre vor Nervosität klamm-kalten Hände warm werden. Nichts, aber auch gar nichts an ihr soll einen negativen Eindruck hinterlassen. Parallel zu den Ereignissen läuft fortwährend die Beobachtung der anderen, die Selbstbeobachtung und Antizipation. Profilieren, aber auf keinen Fall Exponieren. Im Zweifel besser kneifen. Und sich fragen, ob sie trotzdem zu selbstsicher wirkt. Die Absage bleibt nicht aus.

Was macht das mit einem Menschen? Gösweiner hat für ihre Lesung eine weitere Textstelle gewählt, die das illustriert. Ein Spaziergang durch Berlin wird zur Metapher für den Zustand einer Generation. Hanna fährt nach Grunewald, möchte zum Teufelssee. Mehr als eine zwischenmenschliche Begegnung verpatzt sie, weil sie zu sehr in Gedanken, zu erschöpft, zu mitgenommen ist, nicht mutig und offen genug. Sie ist zu beschäftigt damit, den Weg zu finden. Als sie mit ihren spärlichen Informationen nicht weiterkommt, befragt sie ihr Telefon. »Aber der rote Punkt, der ihre Position auf dem Display zeigte, veränderte sich ständig, auch wenn sie stillstand, als flöge sie über den Wald anstatt auf der Erde einen Fuß vor den anderen zu setzen.«

Wohin dieser Weg Hanna führt, bleibt bewusst offen. Eine Antwort gibt es nicht, aber für den Leser zumindest die Erleichterung, damit nicht allein zu sein. Und für sie selbst wie für Hanna, fügt Friederike Gösweiner hinzu, ist bisher immer noch die Freundschaft geblieben.


Die Veranstaltung: Friederike Gösweiner liest aus Traurige Freiheit, vorgestellt von Rainer Götz, Leipziger Buchmesse, Forum Die Unabhängigen, Halle 5, Stand H309, 17.3.2016, 15.30 Uhr

Das Buch: Friederike Gösweiner: Traurige Freiheit. Literaturverlag Droschl, Graz und Wien 2016, 144 Seiten, 18,00 Euro


Die Rezensentin: Katja Suske


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