Die größten Enthusiasten, der Zauber großer Texte und – die Messe

Finnegan’s List: Bekannte Autoren aus aller Welt versuchen in Messehalle 3 Geheimtipps zu geben.

»Markt, Preise, Geschwindigkeit, das sind doch die Dinge, um die es an diesem Ort geht.« Recht hat sie, die kroatische Schriftstellerin und Übersetzerin Alida Bremer, die hier gemeinsam mit eigentlich vier erwarteten Autorenkollegen dem geneigten Leser ihre Vorschläge für die »Finnegan‘s List« schmackhaft machen soll. Auf besagter, jährlich vom europäischen Verband der Autoren veröffentlichter Liste, stellen zehn aktuelle Gesichter der europäischen Literaturszene Werke vor, die sie für unbedingt lesenswert, aber für als bisher zu wenig beachtet halten.

Im Café Europa in der Messehalle 3 bemühen sich Alida Bremer, die Waliserin Angharad Price und der Isländer Eiríkur Örn Norðdahl mit Moderatorin Katrin Thomaneck diese Tradition in den Fokus zu rücken. Die Abwesenheit der ebenfalls angekündigten, aber erkrankten Janne Teller und des »mit dem Flugzeug irgendwo hängengebliebenen« Mazedoniers Nikola Madzirov, machen die Runde überschaubar.

Man muss allerdings schon genau hinhören, um die im Messekatalog angepriesenen Geheimtipps dann auch wirklich mitzubekommen. Wasserflaschen fallen um, die Mikros sind erst zu leise, dann viel zu laut, vermeintlich spannende Ausführungen werden vom frenetischen Applaus am Nebenstand geschluckt, Blitzlichtgewitter durchzuckt die Luft, es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Hinzu kommt, dass die Moderatorin so begeistert von den anwesenden Gästen zu sein scheint, dass ein Großteil der Stunde mit der Vorstellung und Bewerbung von derer eigener Werke verbracht wird.

Alida Bremer, Katrin Thomaneck (Moderatorin), Angharad Price und Eiríkur Örn Norðdahl (von links). © Hanna Haupt
Alida Bremer, Katrin Thomaneck (Moderatorin), Angharad Price und Eiríkur Örn Norðdahl (von links). © Hanna Haupt

Dem ernstlich an verborgenen Literaturschätzen interessierten Besucher bleibt es an diesem Nachmittag die Namen Miroslav Krleža, T. H. Parry-Williams und Hermann Stefánsson aufzuschnappen und vielleicht selbst nachzugrasen. Oder noch besser die gleichnamige Veranstaltung von »Leipzig liest«, die am Abend im kuscheligen UT Connewitz stattfinden wird, zu besuchen. Dafür werden auch, die so vermissten, Leseproben angekündigt, die in dieser Atmosphäre einfach verschenkt gewesen wären, wie Alida Bremer gegen das Hintergrundgetöse ankämpfend erklärt. Um das Interesse an Minderheitensprachen wie dem Walisischen und uns fremd erscheinender Literatur aus Kroatien oder Island zu wecken, braucht es, laut der Kroatin, wahre Enthusiasten und dass diese in der Runde ohne Frage zusammenkommen, beweisen auch die leidenschaftlichen Plädoyers von Price und Norðdahl für die Literatur ihrer Heimatländer. Im Trubel der Messehalle 3 reicht aber auch der größte Enthusiasmus nicht, um den Zauber großer Texte entfalten zu können und so muss man wohl doch auf den Abend im UT Connewitz hoffen, wenn man Eiríkur Örn Norðdahl mal mit einem seiner berühmten Lautgedichte in Aktion erleben, den Klang der walisischen Sprache auf sich wirken lassen und doch noch herausfinden will, ob es stimmt, das »Miroslav Krleža wohl den Literaturnobelpreis bekommen hätte, wenn man seinen Namen aussprechen könnte«, wie Alida Bremer behauptet.


Die Veranstaltung: Finnegan’s List: Geheimtipps bekannter Autoren aus aller Welt, Moderation: Katrin Thomaneck:, Messehalle 3 Café Europa , 18.3.2016, 13.00 Uhr

Die Bücher: Alida Bremer: Olivas Garten. Eichborn, Köln 2013, 320 Seiten, 19,99 Euro, E-Book 15,99 Euro

Angharad Price: Das Leben der Rebecca Jones. Aus dem Englischen von Gregor Runge, dtv, Deutsche Erstausgabe 2014, 176 Seiten, 18,90 Euro, E-Book 15,99 Euro

Eiríkur Örn Norðdahl: Böse. Aus dem Isländischen von Tina Flecken und Betty Wahl, Tropen-Verlag (Klett-Cotta), 2. Auflage 2014, 658 Seiten, 24,95 Euro, E-Book 19,99 Euro


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Die Rezensentin: Hanna Haupt

 

 


 

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