»Die Geschichte erzählt sich von selbst – ich muss nur zuhören«

Seit wenigen Wochen ist der neue Roman »Fremdes Leben« von Petra Hammesfahr im Handel erhältlich. Darin erzählt sie die Geschichte einer Frau, die sich an nichts mehr erinnern kann, aber alles für möglich hält. Nur bruchstückhaft kehrt die Erinnerung zurück und bringt erschreckende Erkenntnisse. Leipzig-lauscht-Redakteurin Annalena Beier hat die Bestsellerautorin nach ihrer Lesung auf der Leipziger Buchmesse zu einem Interview getroffen.

 

Was hat Sie zu »Fremdes Leben« inspiriert?

Ein alter Kirschbaum, der gegenüber von meinem Küchenfenster steht. Mit etwas Fantasie – ich habe davon sehr viel − erkennt man in der Rinde alles Mögliche, zum Beispiel Gesichter. Morgens beim Frühsport geraten diese Gesichter sogar in Bewegung. Und wie das bei mir häufig der Fall ist, plötzlich habe ich die Geschichte einer Frau im Kopf, der ein Stück ihres Lebens fehlt. Eines Tages bekommt sie eine neue Brille und erkennt, dass die Gesichter im Baum ihr Geheimnisse erzählen. Auf die Weise kommt sie dem fehlenden Stück auf die Spur. Von dieser Ursprungsidee ist allerdings nicht viel übriggeblieben. Aber so ist es oft. Häufig sind Ideen nur der Anstoß zu einer völlig anderen Geschichte. Manchmal ist es auch so, dass die Figuren sich beim Schreiben selbständig machen und ich ihnen einfach nur zuhören muss. Dann erzählt sich die Geschichte fast von selbst.

Wie gestaltete sich die Recherche zu dem Buch, besonders zur Amnesie?

Recherche in dem Sinne betreibe ich gar nicht mehr. Ich habe mit 17 Jahren angefangen zu schreiben, anfangs nur sporadisch, weil mir das Geld für Papier fehlte. Aber ich hatte damals einen Arzt, der mir seine Bibliothek zur Verfügung stellte. Ich konnte mir bei ihm jedes Buch ausleihen, Romane besaß er nicht. Begonnen habe ich mit medizinischer und psychologischer Fachliteratur, wobei mich die Psychologie schon bald richtig gepackt hat.

Es hat mal ein Journalist behauptet, ich hätte Psychologie in Heimarbeit studiert. Das möchte ich nicht abstreiten. Später kamen dann die abgründigen Bereiche dazu, Gerichtsmedizin oder Forensik und Kriminalpsychologie. Was bringt Menschen dazu, andere zu verletzen? Was macht den einen zum Opfer und den anderen zum Täter? Diese Thematik fasziniert mich einfach. Um das Ganze abzurunden, habe ich mich schließlich auch noch mit Kriminaltechnik befasst. Das heißt, das Hintergrundwissen ist vorhanden, darauf kann ich jede Geschichte aufbauen. Ich musste nur die verschiedenen Formen von Amnesie noch mal nachschlagen.

Wie schon der Klappentext verrät, sind Ihre Romane nie bloß Krimis, sondern Protokolle von dem, was Menschen einander antun können. Sehen Sie das auch so?

Ich behaupte immer noch, dass ich gar keine Krimis schreibe. Mir sind die Menschen wichtig, die verletzt wurden – Opfer und ihre Angehörigen. In den gängigen Krimis spielt es kaum eine Rolle, wie viel Leid ein Verbrechen über eine Familie bringen kann. Da liegen die Opfer halt irgendwo, was möglichst blutig oder eklig, auf jeden Fall aber detailliert beschrieben wird. Dann wird das Verbrechen mehr oder weniger detailliert aufgeklärt, der menschliche Aspekt bleibt auf der Strecke.

Würden Sie es dann als Ihr eigenes Genre bezeichnen?

Früher hat mal ein Lektor die Ablehnung eines Manuskripts mit den Worten begründet: »So wie Sie schreibt kein Mensch.« Heute wird es als einzigartiger Stil bezeichnet. Aber deshalb ist es wohl noch kein eigenes Genre, nur mein eigener Stil, mit dem sich noch lange nicht jeder auseinandersetzen kann.

Petra Hammesfahr nahm sich viel Zeit für ihre Leser. © Annalena Beier
Petra Hammesfahr nahm sich viel Zeit für ihre Leser. © Annalena Beier

Können Sie sich in irgendeiner Weise mit Claudia Beermann identifizieren, der Protagonistin ihres neuen Buches?

Ich muss mich mit jeder Figur im Roman identifizieren, sonst sind die Charaktere nicht authentisch. Aber vielleicht ist das auch umgekehrt und die Figuren schlüpfen in mich. Mein Mann sagte mal, dass er eigentlich nie weiß, zu wem er abends nach Hause kommt. Mein Problem ist, dass ich mir Figuren nicht ausdenken kann. Sie sind plötzlich da, ich weiß, wie sie heißen, wie alt sie sind, wie sie aufwuchsen, wie sie ticken. Ich lebe mit diesen Leuten, als würde ich sie schon lange kennen. Aber wenn sie nicht freiwillig kommen, brauche ich gar nicht erst zu versuchen, sie in die Handlung einzubauen.

Wenn ich beginne, aus einer Idee einen Roman zu machen, muss ich im Prinzip nur wissen, was und wie es sich abspielt, und wer die Hauptakteure sind. Alle anderen kommen im Laufe der Zeit hinzu, aber sie kommen komplett, mit Namen und Charakter. Man kann sich das vorstellen wie einen Irrgarten. Ich kenne mein Thema, aber wie ich von A nach Z komme und wem ich dabei unterwegs begegne, das ergibt sich.

Bei Claudia war es so, dass sie erst mal unter einem falschen Namen zu mir kam. Ich wusste von ihr nicht mehr, als dass ihr ein Teil ihres Lebens fehlt und dass sie eine Brille brauchte. Dann ist aus dem fehlenden Teil praktisch das ganze Leben geworden, das bruchstückhaft in ihr wieder hochkommt. Aber es kommen eben nur Bruchstücke. Selbst wenn Claudia am Ende weiß, wer sie wirklich ist und was sie gemacht hat, bedeutet das nicht, dass sie sich an alles erinnert. Sie muss glauben, was andere ihr erzählt haben, und fühlt sich fremd im eigenen Leben. Daher der Titel »Fremdes Leben«.

Als Leser hat man während der Lektüre des Romans immer wieder das Gefühl, die Last Claudia Beermanns mitzutragen, sodass man am Ende fast schon die gleiche Beklemmung oder Panik wie die Protagonistin empfindet. Ging es Ihnen beim Schreiben ähnlich?

Am Ende nicht mehr, aber bei vielen Szenen, wenn ich richtig in der Rolle Claudia drin steckte. Allein die Vorstellung, dass ich mit jemandem rede – einer Ärztin zum Beispiel – und plötzlich die Stimme einer alten Frau im Kopf habe, die mir vorwirft, ich hätte ein kleines Kind in die Kanalisation geworfen …

Andererseits: Ich habe schon weit schlimmere Sachen verbrochen und heulend am Computer gesessen. Dabei könnte ich theoretisch alles wieder gutmachen, solange ich an einem Roman schreibe. Ich könnte das kleine Kind überleben lassen. Ich kann einer schwerverletzten Frau jede ärztliche Fürsorge angedeihen lassen, die sie braucht. Erst wenn das Buch gedruckt ist, ist alles unumstößlich.

Ist es das Schlimmste für einen Autor, die Figuren sterben zu lassen?

Nicht unbedingt. Das Opfer ist tot. Die Angehörigen leiden. Es gibt in beinahe jedem meiner Romane Passagen, die ich nicht bei einer Lesung vortragen würde, weil ich mit dem Angehörigen leide und weiß, dass mir die Stimme bricht oder ich sogar in Tränen ausbreche.

Vielen Dank!


Die Veranstaltung: Petra Hammesfahr liest aus Fremdes Leben, Leipziger Buchmesse, Forum Literatur »buch aktuell«, 19.3.2016, 11 Uhr

Das Buch: Petra Hammesfahr: Fremdes Leben. Diana Verlag, München 2016, 496 Seiten, 19,99 Euro


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Die Interviewerin: Annalena Beier

 


 

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