Die Aktualität im Rückspiegel

Ein Buch über das Nachkriegsdeutschland birgt Parallelen zum aktuellen Tagesgeschehen.

In den Sachbuch-Foren der Messe findet ein fliegender Wechsel von Ratgeber, Unterhaltung, Information und Fachkunde statt. Jede Veranstaltung lockt ihr eigenes Publikum. Die Buchpräsentation »1945 – Eine ›Stunde Null‹ in den Köpfen?« zieht am Messefreitag nicht die größte Zuschauermenge an, wenn auch eine höchst interessierte.

Stunde NullReiner Zilkenat, promovierter Historiker, und Marc Johne, Verleger der Edition Bodoni, stellen den zweiten Band der Reihe »Zwischen Revolution und Kapitulation« vor. Der erste Band beschäftige sich noch mit den Gewerkschaften zwischen 1918 und 1933, erläutert Zilkenat. Das vorliegende, aktuelle Buch versammelt Beiträge einer Tagung im April letzten Jahres. Die Buchreihe sei eine offene, und er hoffe auf weitere Denkanstöße aus den Reihen seiner Kollegen.

Danach stellt Zilkenat den Band vor, indem er ihn »selbst sprechen« lässt. Er liest eine Passage seines eigenen Beitrages vor, den er zusammen mit dem Berliner Historiker Rainer Holze verfasste. Zilkenat zitiert darin die aus dem Exil zurückgekehrte jüdische Schriftstellerin Anna Seghers, die 1947 festhielt: »Der Hitlerismus ist noch längst nicht gestürzt.« Es gebe noch viele derer, die die nationalsozialistische Ideologie weiterleben lassen. Der Gedanke an einen weiteren Krieg zur Rettung der Besiegten bestehe fort.

Während der Veranstaltung schafft es Zilkenat, die Details historischer Aufarbeitung zusammenzufassen und in einen lebendigen Kontext zu bringen. Geschichte kann langweilig erzählt werden, aber diesem Historiker gelingt es, den Wert seiner Arbeit nachvollziehbar zu präsentieren. Er spricht flüssig und lebhaft. Man nimmt es ihm ab: Eine gezielte Auseinandersetzung mit dem Vergangenen wartet mit Inspiration und Lehren für das Jetzt auf.

Anstatt weiter auf das breite Spektrum der Aufsatzsammlung einzugehen, führt Zilkenat die Aktualität der Thematik aus: Auch 1945 gab es immense Flüchtlingsströme durch das Anrücken der Roten Armee im Osten. Die anfängliche Solidarität wich schnell einer Fremdenfeindlichkeit, die sich nicht auf Äußerlichkeiten berief oder auf die Nationalität – schließlich waren die Vertriebenen auch Deutsche. Jedoch sprachen die Geflüchteten in einem fremden Dialekt, legten andere Schwerpunkte in der Erziehung und im Familienbild, pflegten ungewohnte Sitten, bevorzugten ihre eigene Küche und gehörten mitunter einer konfessionellen Minderheit an. Vielerorts gingen sie von einer baldigen Rückkehr in die Heimat aus und verweigerten sich daher erst einmal den Gepflogenheiten ihres neuen Ankunftsortes.

Zilkenat spricht die damalige Angst vor »Überfremdung« und »Kulturverlust« an und beendet diese äußerst lehrreiche Buchpräsentation mit der Mahnung eines weiteren Exilanten, eines jungen Politikers und Journalisten mit dem Decknamen Willy Brandt, der 1945 festhielt: »Der Feind steht wieder einmal im eigenen Volk. Der Todfeind des deutschen Volks ist der Nazismus (auch in der Zukunft). Der Feind ist nicht endgültig geschlagen, wenn nicht die Macht der Nazis und ihre Kriegsmaschine gebrochen wird. Er wird maskiert und unter neuen Parolen auftreten. Dieser Feind heißt Nationalismus.«


Die Veranstaltung: Reiner Zilkenat und Marc Johne stellen »1945 – Eine ›Stunde Null‹ in den Köpfen?« vor, Forum Sach- und Fachbuch, Halle 3, 18.3.2016, 15 Uhr

Das Buch: Rainer Holze, Marga Voigt (Hrsg.): Eine »Stunde Null« in den Köpfen? Zur geistigen Situation in Deutschland nach der Befreiung vom Faschismus, Edition Bodoni, Neuruppin 2016, 272 Seiten, 18 Euro


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Die Rezensentin: Ariane J. Hoch

 


 

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