Der Traum vom Freiraum

Svenja Gräfen liest am 24. März 2019 auf der Leipziger Buchmesse aus ihrem zweiten Roman »Freiraum«.

Svenja Gräfen © Constantin Timm

Die Buchmesse am Sonntagmorgen um halb elf fühlt sich an wie Aufwachen nach einer langen, aber erfolgreichen Woche. Es wird schon zunehmend geschäftiger, aber alles ist ein bisschen langsamer als an den Tagen zuvor. Und man spürt, dass es der letzte Tag ist, die anfängliche Aufgeregtheit in den kleinen Bücherkästen scheint einer zufriedenen Gelassenheit gewichen. Auch Svenja Gräfen gibt zu, dass sie noch ein wenig müde sei von den vorherigen Tagen, als die Lesung pünktlich beginnt. Das kann man ihr aber wohl durchaus zugestehen, nicht nur nach der Buchmesse. Sie macht sehr viel, ist vor allem politisch engagiert und neben ihrem Schriftstellerinnendasein auch als Feministin, Netzaktivistin und Poetry-Slammerin aktiv. Das Romanschreiben nutze sie allerdings nicht, um ihre Leser*innen zu belehren – dafür habe sie andere Kanäle – vielmehr gehe es um das Experimentieren mit Sprache.

© Ullstein Buchverlage

Das gelingt ihr auch sehr gut, ihr neuer Roman »Freiraum« hat ein sehr nahbares Set an Charakteren, bei dem man teils schmunzeln muss, da man es, je nachdem in welchen Kreisen man sich so bewegt, auch unter den eigenen Freunden wiederentdecken könnte. Generell hat der Roman eine ganz direkte Gegenwärtigkeit, was nicht nur an den Figuren, der Sprache und den Themen liegt, sondern auch an der Konstruktion der Situationen, die einen förmlich mit einbeziehen. Das Buch handelt von Vela und Maren, einem Liebespaar, das sich aus den zunehmend hässlicheren Fängen einer Großstadt mit ausufernden Mietpreisen befreien will und dem die Chance geboten wird, in ein idyllisch-alternatives Hausprojekt auf dem Land zu ziehen. Als sie dann tatsächlich umziehen und endlich ihren vermeintlichen Freiraum gefunden haben, ist das Leben dort allerdings doch nicht so unbesorgt wie erwartet und auch der langersehnte Kinderwunsch führt zu immer mehr Konflikten, die die beiden auseinanderzureißen drohen.

Kurz vor Beginn der knackig-halbstündigen Lesung sind die Plätze noch spärlich besetzt, allerdings ist das wohl auch der Zeit geschuldet. Nach den ersten gelesenen Minuten füllt sich das Literaturforum dann allerdings doch noch sehr gut. Die Zuhörenden sind vor allem jung und weiblich und ähneln auch vom Kleidungsstil der Autorin, die mit Bandshirt, langem Hemd und großer Brille die Bühne betritt. Ihr Auftreten ist sehr souverän, vermutlich liegt das auch an der Bühnenerfahrung, sie liest mit angenehmer Stimme, spricht frei und gewandt.

Svenja Gräfen liest im Literaturforum © Alicia Opitz

Am Ende stellt sich natürlich, nicht nur bei der Lesung, die Frage nach dem »Freiraum«. Maren hat ihren zunächst in dem Hausprojekt gefunden und fühlt sich angekommen. Vela hingegen ist unzufrieden und weiter auf der Suche. Letztendlich stellt sich für beide heraus, dass die räumliche Veränderung nicht die gewünschte Freiheit bereitstellen konnte, sondern eher das Gegenteil eintritt. Die Moral von der Geschichte? Freiräume haben nicht nur mit äußeren Umständen zu tun, sondern vor allem auch mit dem Inneren, den Gedanken und dem Willen und Mut zur Veränderung.

Wer also Lust auf ein vor allem unterhaltendes Buch hat, das aber durch die Freiraum-Thematik auch den ein oder anderen interessanten Gedanken anregt, dem ist Gräfens Roman auf jeden Fall zu empfehlen!

Beitragsbild: Moderatorin Anne Rotzsch (links) und Svenja Gräfen (rechts). © Alicia Opitz


Die Veranstaltung: Svenja Gräfen liest aus Freiraum, Moderation: Anne Rotzsch, Messegelände Leipziger Buchmesse: Forum Literatur, Halle 5, Stand K600, 24.03.2019, 10.30 Uhr

Das Buch: Svenja Gräfen: Freiraum. Ullstein fünf, Berlin 2019, 304 Seiten, 20,00 Euro


Die Rezensentin: Alicia Opitz

 

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