Der transsilvanische Poet

Über das Lauschen einer wortgewandten Novelle.

Sein etwas gegensätzlicher Name »süß + salzig« verrät das Programm des Café-Restaurants. Beides gibt es hier also, warum auch nicht. Bunte Wimpel zieren die großformatigen Fenster, der Raum wird von Lichterketten und do-it-yourself-Lampenschirmen beleuchtet, die einstmals Nudelsiebe waren. Auch die Theke und Regale sind liebevoll und höchst professionell selbst gezimmert, die Bestuhlung mit buntem Mustermix bezogen. Sogar Spielzeuge und Bücher finden sich hier in einer Kiste und warten auf junge Gäste. Solche treffe ich heute Abend nicht an, dafür eine Menge Leute, die eins gemeinsam haben: das Ziel, den Abend gemütlich zu verbringen. Und, das darf ich vorwegnehmen, das Ziel wurde erreicht: bei süßem Tee oder herben Bier – die Geschmäcker sind so unterschiedlich wie die Besucher. Bei dieser Gelegenheit: hier wird auch vegan aufgetischt. Ja, ein Muss in heutiger Zeit und so auch für mich unbedingt erwähnenswert. Das macht man ja jetzt so.

Eine halbe Stunde später als geplant geht es los, da der Autor Thomas Martini noch auf eventuelle weitere Gäste gewartet hat. Ich sitze bequem und habe einen prima Ausblick auf das Geschehen, bis sich ein riesiger Mann eine dreiviertel Stunde nach geplantem Beginn der Lesung auf den Platz direkt vor mich setzt. Na vielen Dank, jetzt habe ich den Ausblick auf ein schwarzes Langarmshirt und eine wuschelige Herrenmähne. Aber ich bin ja nicht zum Schauen da, ich will getreu dem Motto »Leipzig lauscht« etwas hören.

Die Anmoderation wird von Nadya Hartmann übernommen, sie ist für das Lektorat zuständig und hält es für unbedingt erwähnenswert, dass der Autor in Transsilvanien geboren wurde. Mal ganz ehrlich seit Twilight hat doch niemand mehr Angst vor Vampiren, die glitzern doch schließlich. Da Thomas Martini aber während der Lesung an klarem Wasser und nicht an einer verdächtig dickflüssigen roten Substanz nippt, bin ich mir sicher: kein Vampir, sondern sympathischer Autor. Diesen Eindruck habe ich nicht der Wahl des Getränks wegen, sondern weil Martini eines Gesprächs unter Freunden gleich unter uns sitzt. Einleitend lässt er uns wissen: »Eine Trilogie soll es am Ende des Projekts werden«. Dann beginnt er mit dem Lesen seines Buches »Das Kind mit dem Spiegel«. Wer nur lauscht, ohne auf den Sinn der Worte zu achten, dem kann das Vorgetragene abgehackt vorkommen. Das liegt an den Kommas. Unendlich vielen Kommas. Es ist kein schlechter Stil, sondern den Eintragungen geschuldet, aus denen die Novelle besteht. Sie handelt von Glück, Idealen und Verlust. Im Fokus steht, wie im Vorgängerroman »Der Clown ohne Ort«, das Sinnsuchen. Cover_Das Kind mit dem Spiegel

Was erstmal gewöhnungsbedürftig ist, klingt schnell nach Poesie. Nicht im verträumten Sinne – dafür ist das Thema zu echt und den Worten der Anmoderation folgend »hinter die konsumgesteuerte Gesellschaft blickend«. Leser, vor allem jedoch Lauscher, die wie ich bislang dachten, ausschließlich Werke aus dem Genre »So-Realitätsfremd-Wie-Möglich« mögen zu können, werden von dieser Novelle überrascht, des Klangs wegen – ich werde es zumindest. Ein Hoch auf das Lesefest und den schönen Abend, der einen stressigen Messetag abrundet.


Die Veranstaltung: Thomas Martini liest aus Das Kind mit dem Spiegel, Moderation: Nadya Hartmann, Café süß + salzig, 17.3.2016, 19.30 Uhr

Das Buch: Thomas Martini: Das Kind mit dem Spiegel. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2016, 88 Seiten, 17,99 Euro, E-Book 12,99 Euro


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Die Rezensentin: Natascha-Valerie Conrad

 


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