Der »Tantrische Kreis« schlägt zu

Warum Sex mit Gregor Gysi und wo ist eigentlich der Hummer geblieben?

Morgens, 11 Uhr im Literaturcafé der Messehalle 4: Auf weißen, schwungvoll geformten Plastikstühlen warten gespannt all diejenigen, die schon immer einmal wissen wollten, wie Gregor Gysi eigentlich jenseits dröger Bundestagsdebatten drauf ist. Dieser Frage ging auch die Autorin Sarah Waterfeld in ihrem zweiten Roman »Was vom Hummer übrig blieb« nach, der sich den Hintergründen der linken Politik widmet. Die studierte Politologin muss es ja wissen, schließlich war sie selbst einmal wissenschaftliche Mitarbeiterin der Linksfraktion im Bundestag. Wer jetzt aber eine Biografie oder gar ein Sachbuch erwartet, der liegt falsch. Wir haben es hier mit einem satirischen Polit-Krimi zu tun. Wie viel davon der Wahrheit nahe kommt, wissen wohl nur die Protagonisten selbst.

Sarah Waterfeld liest aus Sex mit Gysi. © Felicitas Drosky
Sarah Waterfeld liest aus Sex mit Gysi. © Felicitas Drosky

Wie sich jedoch leider herausstellt, liest Sarah Waterfeld Passagen ihres Debütromans »Sex mit Gysi« vor und nicht wie angekündigt aus »Was vom Hummer übrig blieb«. Aber gut, das soll uns nicht aus der Ruhe bringen. In der halbstündigen Lesung führt die Autorin die Zuhörer in folgende Geschichte ein:

sex mit gysiRonen Wellmer, Langzeitstudent, Barkeeper und immer auf der Suche nach spannenden Storys, belauscht eines Tages ein Telefonat von Gregor Gysi und traut seinen Ohren nicht: Der Fraktionsvorsitzende der Linken erzählt doch tatsächlich von orientalischen Sexpraktiken. Der Instinkt des Investigativjournalisten erwacht und er wittert fette Beute: Das klingt nach einem Skandal! In Ronens Kopf entspinnen sich die verrücktesten Verschwörungstheorien. Sahra Wagenknecht muss eine Freimaurerin sein, und überhaupt: Was führt die Linke im Schilde? Welche Machtstrukturen wollen sie stürzen? Der Clou: Nur der Leser weiß, dass Gysi eine geheime Intrige spinnt und lediglich einen »erotischen« Code benutzt, um in Zeiten von NSA und anderen Abhörskandalen nicht ausspioniert zu werden. Außerdem lebt sich Gysi in einer eigens gegründeten Verschwörungsgruppe aus, dem »Tantrischen Kreis«. Hier wird es tatsächlich sehr philosophisch, Themen wie »Was ist Glück? « oder »Was ist das Urbegehren?« kommen auf die linke Agenda und dazwischen entfacht sich die Debatte unter den Teilnehmern, ob der Kommunismus eine masochistische und der Kapitalismus eine sadistische Gesellschaft mit sich bringt.

Unterdessen hat sich Syana Wasserbrink (übrigens das fiktive Pendant zu Sarah Waterfeld) in den Kopf gesetzt, unbedingt Parteivorsitzende der Linken zu werden. Ihre Ziele: Abschaffung von nationalen Grenzen, Monetarismus und dem Militär. Dass sie noch zum Spielball Gysis wird, weiß sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht…

Sehr provokant, aber auch sehr witzig nimmt Sarah Waterfeld die deutsche Politik aufs Korn. Tatsächlich hat dieses Buch aber noch mehr Potenzial, als nur reine Unterhaltung zu bieten. Allein die philosophischen Theorien verwandeln den amüsanten Krimi in eine scharfsinnige Satire – eine absolute Empfehlung.


Die Veranstaltung: Sarah Waterfeld liest aus Sex mit Gysi (eigentlich angekündigt: Was vom Hummer übrig blieb), Messehalle 4, Literaturcafé, 17.3.2016, 11 Uhr

Das Buch: Sarah Waterfeld: Sex mit Gysi. Eulenspiegel Verlag, Berlin 2015, 288 Seiten, 19,99 Euro, E-Book 15,99 Euro


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Die Rezensentin: Felicitas Drosky

 

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