Der schwere Stand zeitgenössischer Lyrik

Roland Merk liest aus seinem Gedichtband »Der Lauf der Nacht am helllichten Tag«.

»Lyrik dieser Tage hat einen schweren Stand. Ihr Problem sind nicht nur ihre zahlreichen Verächter […], sondern in einem umfassenderen Sinn unsere Zeit, die gegen sie spricht, ja sprechen muss.« Dies schreibt Roland Merk in seinem Essay über zeitgenössische Lyrik, das sich seinem neuen Gedichtband »Der Lauf der Nacht am helllichten Tag« anschließt.

Roland Merk versucht, gegen diesen schweren Stand anzukämpfen und stellt inmitten des Buchmessetrubels in Halle 3 seine neuen lyrischen Zyklen vor. Eine Einführung dazu gibt seine Lektorin Verena Stettler. Sie liest wenig engagiert einige Zeilen mit Fakten über den Autor vor, die das spärliche Publikum nicht zu fesseln vermögen. Gleich darauf beginnt Merk seine Werke vorzutragen.

Roland Merk mit seiner Lektorin Verena Stettler. © Laura Winkelmann
Roland Merk mit seiner Lektorin Verena Stettler. © Laura Winkelmann

Der Titel des Bandes spiegelt die wesentlichen Motive wieder, die sich durch alle Gedichte ziehen. Es geht um das Zusammenspiel von Helligkeit und Dunkelheit, Licht und Schatten. Zentrale Themen sind unter anderem Merks eigene Kindheit, die voranschreitende Globalisierung und oftmals auch Gesellschaftskritik. Da ist zum Beispiel der Zyklus »porträts«, der in wenigen Versen einzelne Menschen Europas und deren Schicksal darstellt. Von »tarik, strassenkehrer, zürich« über »lucie rose, pornodartsellerin, london« bis hin zu »abigail, arbeitslos, manchester«. Die Gedichte sind klangvoll, tiefgründig und feinfühlig. Sie zeugen von Beobachtungsgabe und einem feinen Sinn für das Spiel mit Wörtern. Die Gratwanderung am Geist der Zeit zeigt sich in der intelligenten Aneinanderreihung der einzelnen Bestandteile eines jeden Zyklus.

Merk liest mit monotoner Stimme, manchmal fast schleppend. Er schaut ab und zu auf, jedoch über die Köpfe des Publikums hinweg. Diese ruhige, wenig aufregende Art zu lesen lässt die Zuhörer schnell abschweifen und unruhig werden. Nicht nur Stettler, die neben Merk sitzt, schaut immer wieder verstohlen auf die Armbanduhr.

In dieser halben Stunde hat Roland Merk wohl kaum einen der Zuschauer für zeitgenössische Lyrik begeistern können. Die vielen, sehr poetischen Gedichte können nicht über die langweilige Einführung und den monotonen Vortrag hinwegtäuschen. Vielleicht sind am Verfall der Lyrik ja doch nicht nur die zahlreichen Verächter und unsere Zeit Schuld?


Die Veranstaltung: Roland Merk liest aus Der Lauf der Nacht am helllichten Tag, Einführung: Verena Stettler, Leseinsel Junge Verlage, Halle 5, Stand G200, 20.3.2016, 13.30 Uhr

Das Buch: Roland Merk: Der Lauf der Nacht am helllichten Tag. Edition 8, Zürich 2016, 160 Seiten, 21,00 Euro, E-Book 15,90 Euro


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Die Rezensentin: Laura Winkelmann

 


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