Der Mittelfinger – ein Erkennungszeichen für Untreue

Die Liebe als wissenschaftliches Experiment.

»Ich liebe dich! Das haben neueste Nachforschungen von mir ergeben.« Diese pathetische Mitteilung – verfasst auf einem kleinen sorgfältig zusammengefalteten Zettel – drückte ein Mitschüler Mara Andeck vor vielen Jahren in die Hand. Und obwohl seitdem einige Zeit vergangen ist, haben das Thema Liebe und die möglichen Theorien hinter diesem Gefühl Andeck nie wirklich losgelassen. Mittlerweile ist sie Wissenschaftsjournalistin und Jugendbuchautorin. In ihren Romanen geht es – natürlich – vor allem um die Liebe. »Dabei haben die Bücher im Hintergrund immer einen wissenschaftlichen Aspekt«, betont sie.

Ein bisschen kitschig muten ihre bisherigen Werke an, die auf einem kleinen Holztisch in der Stadtteilbibliothek der Leipziger Südvorstadt eigens für die heutige Lesung der Autorin drapiert wurden. Kleine Herzchen und Kussmünder dominieren die Einbände der Bücher. Nichts für Jungs – sollte man meinen.

In ihrem neuen Roman »Wolke 7 ist auch nur Nebel« erzählt Andeck die Geschichte der 18-jährigen Moya, die dringend Geld für eine geplante Neuseelandreise benötigt und deshalb an einem sogenannten »Love-Test« teilnimmt. Dabei handelt es sich um ein wissenschaftliches Experiment, das eine vergleichsweise hohe Aufwandsentschädigung verspricht und damit die ideale Lösung für Moyas finanzielle Probleme zu sein scheint. Und weil Moya nicht an die Liebe glaubt und den ganzen Romantikquatsch für eine künstlich geschaffene PR-Kampagne hält, kann ihr der Test sowieso nichts anhaben – glaubt sie. Aber gerade ihre abgeklärte Haltung gegenüber zwischenmenschlichen Beziehungen macht sie für die Wissenschaftler in Andecks Roman zu einer überaus interessanten Probandin.

Mara Andeck liest aus Wolke 7 ist auch nur Nebel. © Daniela Göckeritz
Mara Andeck liest aus Wolke 7 ist auch nur Nebel. © Daniela Göckeritz

Während die Autorin Kapitel um Kapitel vorträgt, lohnt sich ein Blick ins Publikum, das ausschließlich aus Schulklassen besteht. Etwa 13 bis 15 Jahre alt sind die Zuhörer, die den Raum füllen. Während einige der Jungs betreten den Teppich fixieren, stecken die Mädchen leise tuschelnd die Köpfe zusammen. Die klappbaren Plastikstühle geben hin und wieder ein Knirschen von sich. Sonst herrscht Stille. Fast fühlt es sich an wie eine Unterrichtsstunde, in der die Lehrerin einen Monolog hält.

Als endlich die Fragerunde eröffnet wird, erwacht das Publikum zu neuem Leben. »Wie stehen Sie denn selbst zum Thema Liebe? Überwiegt da auch das Analytisch-Wissenschaftliche?«, kommt es prompt von ganz hinten. Nein, Liebe sei ein komplexes Gebilde, das die Wissenschaft nicht wirklich zu erklären vermag, räumt Andeck ein. Trotzdem gebe es natürlich eine Menge interessanter Untersuchungen zu diesem Thema. Beispielsweise könne man anhand der Länge des Mittelfingers erkennen, ob jemand ein treuer Mensch sei. Wenn dieser, im Vergleich zum Ringfinger, sehr lang sei, lasse sich daraus schließen, dass jemand häufig untreu, dafür aber sehr durchsetzungsstark und gut in Mathe sei. Vielstimmiges Murmeln setzt ein. Als Ursache für dieses Phänomen nennt Andeck eine große Menge an Testosteron im Mutterleib, die das Wachstum des Mittelfingers begünstige.

Ob es die Liebe nun gibt oder nicht und wie man sie mit empirischen Methoden messen kann, wird an diesem Vormittag in der Stadtteilbibliothek Walter Hoffmann nicht abschließend geklärt. Aber ein paar interessante Hintergrundinformationen zu wissenschaftlichen Experimenten, verpackt in einem Roman, »den sicher auch Jungs heimlich lesen«, gibt es allemal. Und in Zukunft werden wohl einige Lesungsgäste etwas mehr Aufmerksamkeit auf die Mittelfinger ihrer Mitmenschen richten.


Die Veranstaltung: Lesung und Gespräch zu Mara Andecks neuem Roman Wolke 7 ist auch nur Nebel, Stadtteilbibliothek Südvorstadt Walter Hoffmann, 17.3.2016, 10 Uhr

Das Buch: Mara Andeck: Wolke 7 ist auch nur Nebel. one by Bastei Lübbe, Köln 2016, 352 Seiten, 14,99 Euro, E-Book 11,99 Euro


Göckeritz_Profilbild_2016-03-08

 

 

Die Rezensentin: Daniela Göckeritz

 


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.