Der Charme vergangener Zeiten

Anke Brandts Roman »Hochzeit auf der Konradsburg« nimmt uns mit in die trügerische Idylle des Mittelalters.

»Vielleicht sind die Träume nur Erinnerungen.« Friedrich Hebbels Zitat bildet den passenden Auftakt zu der Geschichte einer Frau, die sich zwischen zwei Identitäten in unterschiedlichen Zeiten bewegt, deren lang ersehnte Hochzeitsnacht zum unerwarteten Albtraum wird.

In ihrem Kurzroman »Hochzeit auf der Konradsburg«, 2019 über den Verlag Romantruhe veröffentlicht, projiziert Autorin Anke Brandt ihre Interessen auf die Protagonistin. Judith, hingebungsvoller Mittelalterfan, beschließt nach einem Besuch der Konradsburg, nahe Falkenstein im Harz, dort zu heiraten. Immer noch fasziniert von dem Charme vergangener Zeiten gibt sie ihrem Mann Thomas fünf Jahre später in der alten Kirche des ehemaligen Klosters das Ja-Wort. Doch während der Feierlichkeiten macht sich Unwohlsein in Judith breit, ausgelöst von der kopflosen Jesus-Statue in der Basilika. Nachts folgt die Braut unerklärlichen, wispernden Stimmen bis in die Krypta unter dem Kirchenraum, wo die Seelen vergangener Zeiten sie dann endgültig umhüllen. Judith erwacht als Bauernmädchen und nach anfänglicher Verwirrung folgt schnell die Erkenntnis, dass sie dem Jahre 1236 nicht mehr entrinnen kann, sondern um ihr Leben kämpfen muss. Als Maria fügt sie sich in den Alltag des kleinen Dorfes unterhalb des Benediktinerklosters ein. Sie arbeitet auf dem Hof ihrer Zieheltern Jakob und Johanna, schöpft Wasser, kocht für die Feldarbeiter und trifft sich regelmäßig mit ihrem liebevollen Verlobten Martin, den sie nach der Erntesaison heiraten soll. Doch das Getreide leidet unter der gnadenlosen Dürre und ein Besuch der Herren von Falkenstein scheint die Lage der Bauern noch zu verschlimmern. Der Erfahrung nach bedeutete ein solches Eintreffen der Falkensteiner im Kloster eine Erhöhung der Abgaben. Während der wahre Grund für das Auftauchen der Adligen ein ominöses, großes Kruzifix ist, dessen Herkunft noch geklärt werden muss, kann Maria nur in Sorge an die eventuell bevorstehende Geld- und Hungersnot des Dorfes und ihrer Zieheltern denken. Der Eintreiber der bäuerlichen Abgaben, Bruder Markus, verspricht der Verlobten ihre Familie zu verschonen, wenn sie sich ihm fügt. Maria sieht keinen anderen Weg ihre Liebsten zu schützen und lässt sich vom Mönch vergewaltigen. Um Martin ein Kind unterzujubeln, verführt sie ihn noch vor der Hochzeit, nichtsahnend welche Konsequenzen dieses Lügennetz für sie bereithält. Im Kloster vertraut sich währenddessen Abt Albert Bruder Markus an, die gemeinsam einen geeigneten Platz für das geheime Kreuz finden müssen, geschützt vor den Augen des Klosters. Die beiden Geistlichen verfrachten das Kunstwerk in ein verborgenes Totengewölbe, dessen Existenz bis dahin nur dem Abt bekannt war. Nach einem durch Martin verursachten Brand im Kloster, dem auch die Jesus-Statue zum Opfer fiel, entsinnt sich Maria ihres Lebens als Judith und kehrt in die Gegenwart zurück.

Nahe der Konradsburg ist Autorin Anke Brandt, geboren 1966, aufgewachsen. Besuche in Sachsen-Anhalt verbindet sie immer mit Ausflügen zu Sehenswürdigkeiten rund um ihre Geburtsstadt Aschersleben ˗ eine dieser Erkundungstouren inspirierte die Schriftstellerin zu »Hochzeit auf der Konradsburg«. Nach sechs Jahren Recherche rund um das ehemalige Kloster verwob sie dann die geschichtlichen Fakten mit Vermutungen, Legenden und zahlreichen literarischen Freiheiten. Diese Fusion soll der Unterhaltung dienen, LeserInnen aber auch animieren sich mit dem Ort zu beschäftigen, damit dieses »Stück Heimatgeschichte« nicht in Vergessenheit gerät.

Brandt beschreibt eine idyllische, aber trügerische Szenerie, sowohl zum Höhepunkt der Konradsburg als wirtschaftliches und gesellschaftliches Zentrum im Mittelalter, als auch zur heutigen Zeit, in der die Anlage als Museum und Veranstaltungsstätte fungiert. In diesen Rahmen fügt sie gelungen die ProtagonistInnen ein, die dank der ausführlichen Darstellung der einzelnen, mehrdimensionalen Charaktere einen guten, spannenden Zugang zur Story gewähren. Auch die Einteilung des Buches in eine kurze, aber ausreichende Einführung in das Thema des Mittelalters, der Konradsburg und das Leben Judiths sowie die Schilderung der Erfahrungen als Maria, die einen Großteil des Romans umfasst, sorgen für ein angenehmes Lesen ohne Langeweile oder Überforderung. Beides wird aber am Ende des Textes durch den langatmigen Abspann, verbunden mit einer Fülle an Informationen über Brandts Heimat, generiert. Die abwechslungsreiche Handlung umspannt zwar einen Großteil der interessanten Geschichte des Ortes, drängt aber auch die Beschreibung der bäuerlichen Tätigkeiten, der Gebäude und des Umlandes zurück, die einem Roman eine bestimmte Atmosphäre und Realität verleihen.

Dennoch gliedert Anke Brandt die historischen Gegebenheiten gelungen in die fiktive Geschichte ein und auch die inneren Konflikte Marias und Martins, die Widersprüche von Liebe, Angst, Treue und Ansehen, erscheinen größtenteils schlüssig. Nur gelegentlich lassen sich Schritte der ProtagonistInnen nicht problemlos nachvollziehen, so zum Beispiel die schnelle Anpassung Judiths an ihre neue Rolle und das Hinnehmen einer Zeitreise, was aber der Form des Kurzromans geschuldet ist.

Damit verbunden sind auch einige Dialoge unglaubwürdig dargestellt. Brandt verwendet eine grammatikalisch einwandfreie, sehr verschachtelte Redeweise, die weder Figuren im Mittelalter noch in der Moderne realistisch erscheinen lassen. Abgesehen von diesen Ausnahmen bleibt die Autorin einer recht einfachen, verständlichen Sprache, ohne Fremdwörter und seitenlangen Satzkonstrukten, treu, die zu dem schnellen Geschehen passt und viele Facetten der vergangenen Zeit einbeziehen kann. Gelegentlich klingen Passagen jedoch fast zu einfach, sehr umgangssprachlich oder ungemein verworren. Da sich die Sprache in Gegenwart und Vergangenheit kaum unterscheidet, verliert die Darstellung auch in diesem Bereich ein wenig an Atmosphäre.

Trotz einiger Kritikpunkte scheint mir »Hochzeit auf der Konradsburg« eine hervorragende Motivation zu sein, um sich die alte Klosteranlage am Rand des Harzes einmal selbst anzuschauen und den Charme vergangener Zeiten auf sich wirken zu lassen oder gedanklich in das mittelalterliche Leben auf und um die Burg einzutauchen. Vor allem LeserInnen mit bereits vorhandener Begeisterung für die Magie solcher Orte, deren Fantasie die Sätze auffüllt, werden das Buch genießen.


Das Buch: Anke Brandt: Hochzeit auf der Konradsburg. Romantruhe Verlag, Kerpen-Türnich 2019, 100 Seiten, 8,95 Euro, E-Book 6,99 Euro


 

 

 

Die Rezensentin: Antonia Weber

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