Das zwielichtige Geschäft mit der Luft

Bastian Schneider liest Prosaminiaturen aus seinem Debüt »Vom Winterschlaf der Zugvögel«.

Ist es aus der Luft gegriffen, zu behaupten, dass Vögel die besseren Menschen sind? Möglicherweise, aber das ist für Bastian Schneider kein Grund, sich nicht mit dieser Frage zu beschäftigen und sie in seinem Debütband »Vom Winterschlaf der Zugvögel« sprachlich zu umkreisen. Vielleicht ist es aber auch schlichtweg diese Frage, die immer wieder zurückkehrt, als sei sie eine Amsel, der man im Winter eine Brotkrume auf die Fensterbank gelegt hat. Gerade hörte man sie noch singen, da ist sie im nächsten Moment schon wieder verschwunden, zurück in der Luft. Ganz ähnliche Bewegungen sind es in Schneiders Prosaminiaturen, die er am ersten Messemorgen auf der Bühne der unabhängigen Verlage liest: Sie bleiben für einen Moment, doch entziehen sich einem im selben schon wieder – in manchen Fällen durch eben jene paradox-flüchtige Dynamik, auf die schon der Buchtitel anspielt.

© Pierre Horn
© Pierre Horn

Der 1981 in Siegen geborene Schneider liest klar und mit fester Stimme. Man merkt ihm nicht an, dass es sich um seinen ersten Auftritt auf einer Buchmesse handelt. Die Worte finden schnell ihren Weg durch die Luft zu den Ohren der Hörer, von denen immer mehr auf den Bänken vor der Bühne Platz nehmen. Sie ist etwas separiert vom Trubel der beginnenden Messe und bietet so die Möglichkeit, sich ganz auf die Lesung seiner Prosa zu konzentrieren. Dabei handelt es sich um kurze Stücke mit Titeln wie »Autobiografie«, »Logik der Luftmaschen«, »Über das Schwindeln« oder »Freiflugraum«, die lose über das Leitmotiv des Fliegens und Schwebens sowie das Bild der Vögel und einen immer wiederkehrenden Ich-Erzähler miteinander verwoben sind.

Schneider nutzt diese Textform für Erkundungen, die bisweilen lyrischen Charakter haben. Er sammelt Beobachtungen, Momentaufnahmen und kurze Begebenheiten, die sowohl aus der Erinnerung wiedererfunden werden, als auch aus dem unmittelbaren Alltag stammen. Diese verdichtet er zu Sprachgebilden, die immer wieder auch ihre eigene Form, Materialität und Medialität thematisieren. Hier werden Metaphern steigen gelassen: verwobene Luftmaschen, die es zu verfolgen gilt, dort fliegen Zettel und Blätter umher, an anderer Stelle geht es darum, Federn zu lesen.

Schillmöller_Foto Schneider Cover_2016-03-17Schneider erprobt den Schwebezustand, ohne dabei abgehoben zu wirken. Der untergründige, an manchen Stellen fast schelmisch wirkende Humor der Texte hilft ihm dabei. Zum Beispiel wenn er sich in einem der gelesenen Stücke dazu bekennt: »Den Vogel abzuschießen, habe ich früh gelernt.« Hierbei geht es schließlich um nichts weniger Ernstes als die Dichtung, das wohl »zwielichtigste Luftgeschäft« überhaupt, bei dem letztlich Luft, zu Sprache, zu Text, zum Ding wird. Bastian Schneider, der neben Psychologie auch Literatur und Sprachkunst studierte, weiß darum, hat er doch bisher überwiegend lyrisch gearbeitet. In diesem Bewusstsein charakterisiert er die Dichtung an anderer Stelle wie folgt: »Sie verwandelt die Tiere zu Gewebe und vernäht den Flug im Papier, sie bannt den Vogel im Text und verhilft den Wörtern zu fliegen.«

Zum Ende der Lesung, wenn man durch die Reihen der Zuhörer hinauf zum Dachfenster der Messehalle schaut und hinaus in den blauen Himmel, dann scheint es fast so, als hätten alle ein wenig zu schweben begonnen. Ein kleines Stück über dem Boden nur, ganz lässig im Schneidersitz.


Die Veranstaltung: Bastian Schneider liest aus Vom Winterschlaf der Zugvögel, Moderation: Melanie P. Strasser, Forum DIE UNABHÄNGIGEN, 17.3.2016, 11.30 Uhr

Das Buch: Bastian Schneider: Vom Winterschlaf der Zugvögel. Sonderzahl, Wien 2016, 96 Seiten, 15,00 Euro


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Der Rezensent: Jan Schillmöller

 


 

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