Das traurige Leben des Jürgen Dose ist witzig

Heimz Strunk liest im großen Ballsaal des Täubchenthals und kann dabei überzeugen.

Die Lesung von Heinz Strunk findet genau genommen schon einen Abend vor dem offiziellen Zeitraum der »Leipzig liest«-Veranstaltungen statt. Vielleicht ist auch deswegen der Andrang im Täubchenthal so groß, denn viele Konkurrenzlesungen gibt es nicht. Der Ballsaal ist fast vollständig bestuhlt, mehrere hundert Besucher haben sich dort eingefunden. Die Lesung trägt den Titel »Jürgen – die Show« und gibt damit schon einen ersten Hinweis darauf, dass möglicherweise aus dem klassischen Format eines dasitzenden, vorlesenden Autors ausgebrochen wird.

Heinz Strunk © Dennis Dirksen

Tatsächlich jedoch betritt Heinz Strunk erst einmal ganz normal die Bühne und beginnt die Zuschauer mit der Hauptfigur seines letzten Romans bekannt zu machen. Jürgen vergleicht er mit Trump-Wählern in Amerika, die größtenteils abgehängte, weiße Männer der unteren Mittelschicht gewesen seien. Im Buch geht es hauptsächlich um sein Liebesleben, beziehungsweise die Suche nach einem solchen. Zur Verdeutlichung dieser Figur wird Heinz Strunk dann live auf der Bühne zu Jürgen, indem er einen ausgeleierten Pulli, beige Weste, Perücke und Anglerhut aufsetzt – die Jürgen-Show kann beginnen.

Aus dem Roman folgen einzelne Episoden aus dem Lebensalltag des Protagonisten, die er zu einem großen Teil mit seinem besten Freund Bernie erlebt. Dieser bekommt, wie alle weiteren Figuren, eine eigene spezifische Stimme von Strunk, die in diesem Fall leicht dümmlich und nasal gestaltet ist. Die Zuschauer finden das besonders amüsant, genauso wie die mäßig derben Ausdrücke, die gelegentlich in der Lesung auftauchen. Wird von einem »fetten Schwein« oder einer »Milf« gesprochen, kommen sie gar nicht mehr aus dem Lachen hinaus. Dabei sind es eigentlich die subtil bewertenden Beobachtungen und Aufzählungen von Jürgen, die den Text wirklich witzig machen.

© Rowohlt Verlag

Zwischen einigen Leseabschnitten gibt es Musik auf der Bühne. Instrumentals werden über den Laptop abgespielt, dazu singt Jürgen und spielt Querflöte an einem zweiten Mikrofon, häufig wird die Romanhandlung assoziativ weitergeführt. Die Stücke stammen aus dem Soundtrack zum Buch, der den Titel »Die gläserne Milf« trägt. Gegen Ende nutzt Jürgen auch die Leinwand hinter ihm, um zum Höhepunkt der Geschichte zu führen – Dating im osteuropäischen Polen. Die gezeigten Bilder stammen aus dem Film „Jürgen – heute wird gelebt“, der mit einer Goldenen Kamera prämiert ist. Der freie Erzählstil lockert das Geschehen auf und auch Musik gibt es am Ende noch einmal. In Addition zum klassischen Lesungsformat bringt das Abwechslung und ist eine sinnvolle Erweiterung des Inhalts, ohne störend zu wirken. Der Ankündigung einer »Show« ist diese Mini-Inszenierung absolut gerecht geworden.

Beitragsbild: Heinz Strunk alias Jürgen Dose erzählt aus seinem Alltag. © David Regner


Die Veranstaltung: Heinz Strunk. Jürgen – die Show, Täubchenthal, 14.3.2016, 20 Uhr

Das Buch: Heinz Strunk: Jürgen. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2017, 253 Seiten, 19,95 Euro, E-Book 16,99 Euro


 

Der Rezensent: David Regner

 

 


 

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