»Das ist ja antiamerikanisch!«

Michael Lüders lässt Realität und Fiktion zu einem fesselnden Polit-Thriller verschmelzen.

Knapp zehn Jahre war der Politik- und Islamwissenschaftler Michael Lüders für die Wochenzeitung DIE ZEIT als Nahost-Korrespondent tätig. Er schreibt brisante Sachbücher, ist als politischer Berater tätig und produziert Dokumentarfilme. Nun veröffentlicht er mit seinem packenden Polit-Thriller »Never Say Anything« ein Werk, bei dessen Lektüre es dem Leserschwer fällt, Realität und Fiktion voneinander zu trennen. Bereits der Titel des Buches greift auf einen Insiderspruch zurück, mit dem die Existenz des US-Geheimdienstes NSA lange Zeit geleugnet wurde.

Michael Lüders beim Signieren seines Thrillers Never Say Anything. © Daniela Göckeritz
Michael Lüders beim Signieren seines Thrillers Never Say Anything. © Daniela Göckeritz

Im Rahmen der Lesung des KrimiClubs spricht Lüders mit der Moderatorin Nicola Steiner über sein Buch, dessen Bezüge zu tatsächlichen Geschehnissen, den Journalismus als vierte Staatsgewalt und die Widerstände, auf die man stößt, wenn man ein antiamerikanisches Buch schreibt. Der Ort, an dem das Ganze stattfindet, ist gleichermaßen ungewöhnlich und passend für eine Geschichte über Wahrheit, politische Verschwörungen und eine entfesselte Moral – das Landgericht der Stadt Leipzig. Der historische Verhandlungssaal mit seinen holzvertäfelten Wänden verströmt eine beinahe feierliche Atmosphäre. Schwere Metall-Leuchter hängen von der reich verzierten Decke und tauchen die Szenerie in gedämpftes Licht.

Ohne lange Vorrede befördert Lüders die Zuhörer gleich zu Beginn der Lesung mit einer kurzen Passage aus seinem Buch mitten hinein in den Angriff auf das marokkanische Dorf Gourrama, der sich zum Dreh- und Angelpunkt der Handlung entwickelt. Die deutsche Journalistin Sophie Schelling überlebt als einzige den erbarmungslosen Kugelhagel, in dem unzählige Zivilisten den Tod finden und von dem die Medien später behaupten, er sei von Al-Qaida-Kämpfern verübt worden. Sophie ist sich jedoch sicher, dass nicht Al-Qaida, sondern die Amerikaner für das Massaker verantwortlich sind.

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Zurück in Deutschland versucht sie, der Sache auf den Grund zu gehen. Dabei stößt sie nicht nur in der Redaktion der Wochenzeitung, für die sie arbeitet, auf heftigen Widerstand. Sie wird massiv bedroht, überwacht und gerät in Lebensgefahr. Ein normaler Alltag ist nicht mehr möglich. Sophie kämpft nahezu allein gegen einen übermächtigen Gegner und ist gezwungen, sich mit einer Realität auseinanderzusetzen, die mehr und mehr zu einem Albtraum wird. Schließlich muss sie sich entscheiden, wie weit sie bereit ist zu gehen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.

»Sophie Schelling ist keine geborene Heldin, sondern ein Mensch wie du und ich. Sie hadert immer wieder mit sich, was gut und richtig ist«, erklärt Lüders. Es gehe ihm nicht darum, Thesen aus der Realität in einem Roman zu belegen, betont er. Vielmehr wolle er eine Geschichte erzählen, in der seine Protagonistin gegen ihren Willen gezwungen ist, sich neu zu orientieren.

Nach der Fertigstellung seines Manuskripts erlebte Lüders ebenfalls, dass man nicht immer auf Sympathie stößt, wenn man gegen den Mainstream und ungeschriebene Gesetze anschreibt. „Das ist ja antiamerikanisch!“, war die Reaktion mehrerer Verlage, bei denen er sein Werk einreichte. Wären die Russen für die Bombardierung des Dorfes verantwortlich gewesen, hätte er wohl offene Türen eingerannt.

Die Frage nach einer Fortsetzung von Sophie Schellings Geschichte beantwortet Lüders mit einem eindeutigen »Ja«. Seine Protagonistin sei ihm doch sehr ans Herz gewachsen.

Dass es während der Lesung auch ein recht zahlreich erschienenes Publikum gibt, bemerkt man kaum. Abgesehen von gelegentlichem leisen Husten ist es recht still in den ehrwürdigen Hallen des Gerichtsgebäudes. Fragen stellt keiner. Leider. Vielleicht weil die Moderatorin auch niemanden dazu auffordert.


Die Veranstaltung: KrimiClub, Moderation: Nicola Steiner, Landgericht Leipzig, 17.3.2016, 19 Uhr

Das Buch: Michael Lüders: Never Say Anything. C. H. Beck, München 2016, 367 Seiten, 14,95 Euro, E-Book 9,99 Euro


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Die Rezensentin: Daniela Göckeritz

 

 


 

 

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