Danke, mein Krebs

Warum Johannes Heines authentisches Tagebuch mehr als nur Mut macht.

Als ich davon erfahren hatte, dass im Rahmen der Leipziger Buchmesse die Lesung eines Krebstagebuchs stattfinden sollte, war ich zunächst zwiegespalten. Sollte ich als Sohn eines Krebstoten wirklich darüber schreiben? Dann dachte ich mir jedoch: Wer sonst? Wer sollte sonst objektiv, aber respektvoll dieses Thema besprechen, wenn nicht ein Angehöriger selbst? Einige Wochen später lag das Buch auf meinem Schreibtisch. Ich riskierte einen Blick in „Ein Mann steigt seinem Krebs aufs Dach“.

Johannes Heine ist ein Langzeitüberlebender. Ein Dachdeckermeister aus Grimma, der im Jahre 2006 eine Diagnose gestellt bekam, welche sein Leben verändern sollte: Hodenkrebs. Zusammen mit Schreibcoach Martina Rellin hat er sein persönliches Tagebuch über den Krankheitsverlauf veröffentlicht. Chronologisch berichtet er von den ersten starken Rückenschmerzen und dem Lymphknotenkrebsverdacht, welcher sich als falsch herausstellte. Er erzählt von der Behandlung und von seinem Privatleben, welches trotzdem nie stillsteht. Von seinen Angehörigen und deren Reaktionen, von seinem Blog und den Genesungswünschen auf diesem. Er schreibt von seinem Beruf, dem gigantischen Abnehmprozess und letztendlich – seiner Heilung.

Heine beschreibt detailliert die Abläufe: Wie läuft eine Chemotherapie ab? Wie bereitet man sich auf eine notwendige OP vor? Welche Einschränkungen auf das Privatleben gibt es? Und: Was geht im Kopf des Krebspatienten selbst vor?

Viele Menschen kennen den Umgang mit Krebs nur aus Nachrichten oder Erzählungen. „Dieser Prominente ist daran gestorben.“ „Unser Nachbar liegt im Krankenhaus: Leukämie.“ Vielleicht hat man einen sehr emotionalen Film über die Krankheit gesehen. Heines Tagebuch dient auch zum Entkräften vieler Mythen – eine Sache, für welche ich ihm persönlich dankbar bin.

Besonders heraussticht jedoch sein Prozess der Selbstreflexion. Durch die Krankheit hat sich Heines Einstellung zum Leben selbst geändert. „Ohne die Erfahrung Krebs hätte ich gut leben können – aber mit der Erfahrung Krebs ist mein Leben gehaltvoller geworden. Ich bin um eine Erfahrung reicher und ich musste mich mit Problemen auseinandersetzen, die ich ohne Krebs nicht gekannt hätte. Dadurch lebe ich bewusster“, schreibt er in seinem Schlusswort.

Ihm ist in Zusammenarbeit mit Martina Rellin nicht nur eine mitreißende und authentische Erzählung geglückt, sondern auch ein formal sicheres und strukturiertes Buch, welches überzeugt. Sein Tagebuch erscheint ungemein notwendig, da es mit vielen Vorurteilen gegenüber der Krankheit aufräumt und wichtige Inhalte klarstellt: „Du hast Krebs? Wie schlimm!“ – Das weiß der Erkrankte schließlich selbst. Heine gelingt vielmehr das Kunststück, dass wirklich jeder etwas aus seiner Erzählung mitnimmt, selbst der Unbeteiligte, der verschont blieb und hoffentlich verschont bleiben wird.


Das Buch: Johannes Heine und Martina Rellin: Ein Mann steigt seinem Krebs aufs Dach. Rellin Verlag, Hohen Neuendorf 2019, 320 Seiten, 18 Euro


 

 

 

Der Rezensent: Niklas Albert

 

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