Comics fühlen

Kann man mit Comics eine Lesung veranstalten? Sasha Hommer, Max Baitinger und Aisha Franz zeigen sonntagnachmittags in der Galerie für Zeitgenössische Kunst, dass es sogar ein Erlebnis sein kann.

Wer dieses Jahr die Veranstaltung von »The Millionaires Club« in der Galerie für Zeitgenössische Kunst verpasst hat, sollte sich diesen Namen unbedingt für nächstes Jahr merken. Das ganze Haus strotzt nur vor kreativer Energie. Diese Ausstellung steht im Zeichen der Comics und Graphic Novels und bietet dabei nicht nur den Künstlern eine Plattform, sondern ermutigt die Gäste mit Workshops aller Art, auch selbst aktiv zu werden. Kurz vor der Lesung holt man sich eine sehr gut schmeckende Erbsensuppe, durchquert einen wunderschönen Ausstellungsbereich und macht es sich in dem netten Raum gemütlich, in dem die Veranstaltung stattfindet.

Nachdem die letzten jungen Leute mit hippen Mützen ihren Platz im voll besetzen Raum finden, kündigt der Moderator Jakob Wierzba etwas holprig und gestelzt, aber nicht unsympathisch, ohne große Umschweife den ersten Leser an: Sasha Hommer setzt sich an das Pult und schon ertönt durch die Lautsprecher das Geräusch eines Flugzeuges. Dann erscheint auf der Leinwand über ihm die erste Zeichnung aus seinem Comic »In China«: ein Flugzeug in der Luft.

Nach einiger Zeit mischt sich Musik unter das Geräusch, und man ist sofort wie gebannt. Die Sprechblasen liest er selbst vor. Seine Figuren sind einfach und niedlich gehalten, dazu im Gegensatz stehen die sehr detaillierten, fast düster anmutenden Zeichnungen der Stadt. Durch die Musik und das Vorlesen entsteht ein ganz klares Gefühl dazu, in welcher überwältigenden Situation sich der Protagonist befindet. Der Lärm der Menschen, das Quarkgeräusch, wenn er das Chinesisch nicht versteht, und die Musik, die die Handlung untermalt.

Zeichnung aus »In China« von Sasha Hommer. © Louise Kenn
Zeichnung aus »In China« von Sasha Hommer. © Louise Kenn

Max Baitingers Präsentation steht in krassem Kontrast dazu. Seine Zeichnungen in »Röhner« sind minimalistisch und klar, muten fast wie Anleitungen zum Leben an. Dazu passend liest er nur vor. Das einzige Geräusch, das er abspielt, ist ein wiederholtes »Ping«, wenn etwas im Comic dieses Geräusch macht.

Die letzte Lesende, Aisha Franz, schafft es leider nicht, die gebannte Haltung der Zuschauer zu bewahren. Manchmal liest sie die Sprechblasen vor, manchmal nicht, die Musik geht nicht klar ineinander über, sondern bricht mittendrin ab und ändert sich wieder. In »Shit is Real« erzählt sie die Geschichte einer Mittzwanzigerin, die den Bezug zum Leben verliert. Es vermischen sich Traum und Wirklichkeit, und es fällt schwer, der Handlung zu folgen. Das Publikum wird bei ihrer Lesung etwas unruhiger, obwohl es einige feine tragikomische Stellen gibt, die ein paar mehr Lacher verdient hätten.

Dennoch haben die drei Künstler eine insgesamt beeindruckende Performance geboten, die man nicht so schnell vergisst. Um noch ein wenig in dem gerade Erlebten zu schwelgen, schaut man sich noch im ersten Stock die Stände weiterer Comicautoren an und macht sich dann, leicht beschwingt und mit einem neuen Poster für Zuhause, auf den Heimweg.


Die Veranstaltung: Comiclesung von Sasha Hommer, Max Baitinger und Aisha Franz, Moderation: Jakob Wierzba, Galerie für Zeitgenössische Kunst, 20.3.2016, 15 Uhr

Die Bücher:

  • Max Baitinger: Röhner. Rotopolpress, Kassel 2016, 216 Seiten, 22 Euro
  • Aisha Franz: Shit is real. Reprodukt, Berlin 2016, 288 Seiten, 24 Euro
  • Sasha Hommer: In China. Reprodukt, Berlin 2016, 176 Seiten, 20 Euro

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Die Rezensentin: Louise Kenn

 


 

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