Buchvermittlung oder Bucherlebnis?

Über den Charme der bunten Vielfalt an Veranstaltungsorten und wie schön es sein kann, einen Blick über den Tellerrand zu wagen.

März 2018 in Leipzig: Minusgrade und Schnee. Bahnen fallen aus und die Stadt versinkt im Chaos. Trotzdem hält es die Menschen nicht davon ab, auf die Leipziger Buchmesse zu strömen. Es sind Massen, die sich am Hauptbahnhof tummeln und möglichst schnell in eine der Bahnen steigen wollen. Ich bin ein wenig verwirrt. Ja, das Messegelände ist der Besuchermagnet des Wochenendes, aber heute habe ich keine Lust in überfüllten Hallen Lesungen zu lauschen. Ich bin gerade auf dem Weg zu einer Veranstaltung in einer Weinhandlung in der Baumwollspinnerei. Dort ist es gemütlich, es gibt Wein bei Kerzenschein und das Beste: Keine laute Geräuschkulisse, bestehend aus weinenden Kindern, kreischenden Teens oder Moderatoren mit übersteuerten Mikrofonen, sondern nur die ruhige Stimme der Autorin. Auf dem Messegelände bricht das Buchfieber aus und ich freue mich auf eine spannende Lesung, bei der man sogar in den Dialog mit den Verlegern und der Autorin kommen kann.

Wichtig aber ist, dass Lesungen stattfinden und dass es interessierte Zuhörer gibt – ob auf der Messe selbst, oder im Rahmenprogramm von Leipzig liest. Dieses Jahr gab es circa 3600 Veranstaltungen an 550 Orten in und um Leipzig. Im Vergleich der letzten Jahre ist das Angebot und die Nachfrage an Lesungen während der Buchmesse stetig gestiegen. Wer also keine Lust hat sich dem Treiben auf dem Messegelände anzuschließen, der kann einfach durch die Stadt schlendern und findet Kneipen, Museen, Buchhandlungen und Cafés, in denen Veranstaltungen stattfinden.

Für die Leipziger Kulturlandschaft sind Buchpräsentationen und Lesungen ein wichtiger Bestandteil während der Messezeit geworden. Gastronomen, Kulturschaffende und Vereine befördern damit ein einzigartiges Stadterlebnis für alle Besucher. Dies wird dankend von Verlagen und Autoren angenommen. Denn Buchpräsentationen und Lesungen schaffen ein einmaliges Erlebnis zwischen Autor und Publikum. Hierbei geht es nicht nur um den Verkauf von Exemplaren, sondern vielmehr um die Begegnung und Bindung zum Leser. Das Vorlesen und anschließende Gespräche zum Buch bewirken einen gemeinschaftlichen wechselseitigen Austausch. Vor allem kleine Verlage und unbekannte Autoren profitieren von diesem Konzept, da ein gemeinsamer Abend mit Lesern Teilhabe schafft und letztendlich den Verkauf befördert.

Natürlich stehen diese Verlage in Konkurrenz mit den Veranstaltungen »der Großen«, deren Präsentationsmöglichkeiten umfassender und Besucherzahlen höher sind. Buchhandlungen, die für Signierstunden völlig überlaufen sind oder doch die kleine Eckkneipe mit dem rauchenden Autor, der Anekdoten aus seinem Leben erzählt? In Leipzig kann sich jeder sein Programm selbst zusammenstellen. Sicher ist, dass in den Vorbereitungen für jede Lesung die Liebe im Detail steckt, sodass die Begegnung mit Autor, Kritiker, Illustrator oder Übersetzer für das Publikum in Erinnerung bleibt. Es geht schließlich nicht um die Buchvermittlung, sondern um das Bucherlebnis.

Beitragsbild: Besucher ruhen sich auf der überfüllten Messetreppe aus. © Leipziger Buchmesse


 

 

Die Rezensentin: Clara Gärtner

 


 

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