»Bewirf Leute in Not mit deinem Buch!«

Andy Strauß lässt Chaos fressen.

Der Veranstaltungstitel »Andy Strauß versucht zu lesen« hätte die Messebesucher bereits misstrauisch machen können und wer Andy Strauß kennt, der weiß, dass bei ihm keine klassische Lesung zu erwarten ist. Trotzdem sind die Reihen vor der Lesebühne gefüllt, das Publikum besteht aus jungen Messebesuchern, das Durchschnittsalter beträgt etwa Mitte zwanzig.

Zunächst stellt sich der Verleger Andreas Köglowitz auf die Bühne und verkündet: »Andy Strauß ist einfach krass! Er macht Poetry Slam. Er ist Buddhist, er ist Veganer …« – »Veganerin!«, ruft Andy Strauß dazwischen. Köglowitz korrigiert: »Er ist Veganerin. Er ist einfach krass.« Applaus bricht los und Strauß betritt die Bühne, setzt sich. Dann schickt er Köglowitz erstmal los, um ihm Bier zu besorgen.

Der Titel seines neuen Buches bringt Strauß und seine Lesung auf den Punkt. Er hält das Buch hoch. In »Friss Chaos, Ordnung« sind handschriftlich beschriebene Seiten seines Collegeblocks abgedruckt, die optisch leicht an Kurt Cobains Tagebuch erinnern. Auf den Seiten stehen unter anderem Kurzgeschichten. Zudem hat Strauß Bilder und Comics gemalt. Abgesehen davon gibt es ein Hörbuch zum Download, in dem der Autor persönlich das Buch vorliest und, »falls der Leser überfordert sein sollte«, auch erklärt.

Strauß erzählt die Geschichte von Pinocchio, der eigentlich ein Vampir sei, und eine Geschichte, die eigentlich der Anfang eines Technosongs sein sollte. Zwischendurch schweift er immer wieder ab, erzählt Anekdoten von guten Straßenmusikern, Schlafanzügen und seinem Praktikum im Swingerclub. Er legt seine Füße auf den Tisch, um dem Publikum seine neuen Socken zu präsentieren. Immer wieder muss er über sich selbst lachen und auch das Publikum lacht, teils aus vollem Halse, teils sehr verwirrt. Niemand weiß, was er Strauß glauben kann und was nicht.

Andy Strauß auf der Bühne der Leseinsel. © Julie S. Schöttner
Andy Strauß auf der Bühne der Leseinsel. © Julie S. Schöttner

Immer mehr Leute bleiben auf dem Gang stehen, um dem Spektakel zuzuschauen, einige filmen. Wer skeptisch guckt, wird von Andy Strauß genauso skeptisch beäugt. Endlich kommt der Verleger und bringt Strauß sein Bier. »Es ist so schwer, im Sitzen zu lesen ohne zu rauchen«, sagt der Autor und erzählt, dass er bereits einmal während einer Lesung von der Messe geflogen sei, weil er geraucht habe. »Hier kann doch eh nichts brennen. Außer vielleicht Bücher. Aber Zigaretten wissen im Gegensatz zu Nazis, dass man Bücher nicht verbrennt.«

Immer wieder zwischendurch liest er die Uhrzeit vor. Irgendwann kommt er auf sein Buch zurück. »Ich will gar nicht Werbung dafür machen«, sagt er, »aber man kann es zum Beispiel gut als Mousepad benutzen. Bewirf Leute in Not mit deinem Buch!« Er sagt: »Das Buch hilft dir, so zu sein, wie du gerne wärst.« Dann brummt er ins Mikrofon, was einem Didgeridoo zum Verwechseln ähnlich klingt.

Plötzlich kommt der Verleger auf die Bühne und sagt, die Zeit sei um. Und auf einmal ist Andy Strauß nach langem Applaus wieder verschwunden, während das Publikum noch dasitzt und versucht zu verstehen, was in der letzten halbe Stunde eigentlich passiert ist.


Die Veranstaltung: Andy Strauß versucht zu lesen, Moderation: Andreas Köglowitz, Leseinsel Junge Verlage: Halle 5, Stand G200, 20.3.16, 16 Uhr

Das Buch: Andy Strauß: Friss Chaos, Ordnung. Unsichtbar Verlag, Diedorf 2016, 96 Seiten, 17,93 Euro


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Die Rezensentin: Julie Sophia Schöttner

 


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