Beliebt statt bewiesen

Christoph Lammers hinterfragt die Bedeutung der Alternativmedizin.

Ein Banner markiert »Die Bühne«, und der Name suggeriert Großes. Tatsächlich aber sitzen hier Autoren, Publizisten und Publikum auf Augenhöhe und engem Raum beieinander. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützt dieses kleine Forum in der Halle 5, das mit seinen sozialen und politischen Themen stets gut besucht wird.

Um 12:30 Uhr präsentiert der Berliner Politik- und Sozialwissenschaftler Christoph Lammers dort sein Buch »Anders heilen?«. In dem im Alibri Verlag erschienenen Titel setzt er sich ausgesprochen kritisch mit der Alternativmedizin auseinander. Ohne Vorstellung der eigenen Person oder seines Verlegers Gunnar Schedel kommt Lammers sofort zur Sache. Er schickt voraus, dass sein Publikum vorwiegend weiblich sei, weil Frauen eine starke Affinität zu dem Thema hätten. Von weiblichen Zuhörern wird nach der Buchvorstellung auch der Diskussionsbedarf in Anspruch genommen werden.

Lammers geht kurz auf drei medial aufbereitete Begebenheiten ein, bei denen alternative Medizin eine prominente Rolle spielte: zum einen der Tod von Steve Jobs, der während seiner Erkrankung an Bauchspeicheldrüsenkrebs die schulmedizinische Behandlung verweigerte, außerdem das als alternatives Heilmittel gepriesene MMS (Miracle Mineral Solution), das Wissenschaftlern aber als gefährliche »Chlorbleiche« einstufen, und schließlich die Diskussion um die Masernimpfung, die 2014/15 in den sozialen Netzwerke hochkochte.

Lammers redet zügig und sachlich und hält dabei den Augenkontakt zum Publikum. Er macht von Anfang an klar, wie kritisch er die »Paramedizin« sieht. Es gebe keine wissenschaftlichen Befunde, die für deren Heilungserfolge sprechen. Viel eher werde vonseiten der Patienten auf die »anekdotische Evidenz« verschiedener Einzelfälle aus dem Umfeld gesetzt. Der Fokus liege auf dem Glauben, nicht auf dem Wissen.

Selbst die Krankenkassen böten mittlerweile alternativmedizinische Programme an, wegen der Beliebtheit wohlgemerkt, nicht wegen der Heilwirkung. Die moderne Medizin habe einen schlechten Ruf erlangt, sei mittlerweile mehr Dienstleitung als Handwerk und leide an mangelnder Glaubwürdigkeit durch intervenierende Pharmaindustrien. Mit Homöopathie & Co. finde der Patient den Zeitaufwand und die Aufmerksamkeit, die ein Arzt wegen Termindrucks oder unsensiblen Auftretens nicht mehr leisten würde.

Hoch_Foto Lammers Buchtitel-1Immer wieder kommt Lammers auf die fehlende wissenschaftliche Grundlage zu sprechen. Er wünscht sich sein Buch als Denkanstoß dazu, warum trotzdem so viele Menschen zur Alternativmedizin greifen. Die anschließende Diskussion gestaltet sich anfangs schwierig, weil ein wütender Rentner mit einer unsachlichen Argumentation aufhält. Lammers lässt sich nicht auf das Niveau herunter, sondern stellt heraus, welchen Wert wissenschaftliche Erkenntnisse haben gegenüber dem Hörensagen aus dem Bekanntenkreis. Einige weibliche Zuhörer in der vordersten Reihe sind dagegen an einem sachlichen Dialog interessiert. Sie gehen in ihren Fragen auf Buchinhalte ein. Dass Lammers klar gegen die Heilkraft der Alternativmedizin Stellung bezieht, und zwar ohne sich dabei abschätzig gegenüber Andersdenkenden zu äußern, kann der sachlichen Diskussion zu diesem Thema nur guttun.


Die Veranstaltung: Christoph Lammers stellt Anders heilen? Wo die Alternativmedizin irrt vor, Die Bühne, Halle 5, 12.30 Uhr

Das Buch: Dittmar Graf und Christoph Lammers (Hg.): Anders heilen? Wo die Alternativmedizin irrt. Alibri Verlag, Aschaffenburg 2015, 178 Seiten, 14 Euro


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Die Rezensentin: Ariane J. Hoch

 


 

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