Baut Brücken, keine Mauern

Kristina Sellmayr liest im Forum Literatur auf der Buchmesse aus ihrer berührenden Textsammlung »Und ich lebe doch!«.

Kristina Sellmayr. © Caroline Heysel

Auf der Messe ist es laut, und Autoren lesen im Akkord, doch Kristina Sellmayrs Lesung ist etwas Besonderes. Erst einmal wird sie von ihrem Lektor kurz vorgestellt: eine Sozialpädagogin, die seit Jahren mit Geflüchteten zusammenarbeitet. Darum dreht es sich auch in ihrer Textsammlung – sie verarbeitet Erlebnisse ihres Alltags der Schule, bei der sie arbeitet. Einerseits sind die einzelnen Texte authentisch, anderseits auch fiktionalisiert. Vor allem aber ist »Und ich lebe doch!« ein Buch über das Ankommen und Angekommen-Sein.

Als die Autorin zu lesen beginnt, ist sie sehr leise. Das ruhige, bedächtige Vortragen passt zu den Geschichten. Denn Berichte über Kinder, deren Seelen »traumatisiert und verwundet« sind, kann man nicht laut und energisch vortragen. Texte wie diese erfordern das Feingefühl, das Kristina Sellmayr dazu braucht, um »Brücken zu bauen«. Das Vertrauen der Kinder ist die Grundlage für ihre Arbeit und auch für dieses Buch. Vertrauen schafft Brücken.

© Caroline Heysel

Die kurzen Beiträge im Buch handeln zum Beispiel von den Freundinnen Nour und Fatima, Tarek oder Amir. Es sind berührende und zugleich bedrückende Texte über Kinder, die allein oder mit der Familie aus ihrer Heimat fliehen mussten. Kinder, die irgendwo zwischen Kindheit leben wollen und Erwachsen sein, müssen festhängen. Sie lernen, keine Angst mehr zu haben und Freundschaften zu schließen. Kristina Sellmayr baut Brücken, zu den Kindern und zwischen den Kindern. Sie schreibt über die Flucht, Ankunft und auch die Folgen, positive wie negative. Sellmayr zeigt, wie man mit Offenheit und Einfühlungsvermögen auf die Kinder und ihre Familien zugehen und vieles erreichen kann.

Die Lesung war kurz und ruhig, aber bewegend und schön. Man geht trotz der teilweise dramatischen Schicksale, die hinter den Geschichten stecken, mit einem guten Gefühl. Man hat auch Respekt vor den Kindern, die jetzt stolz sagen können: »Und ich lebe doch!«. Zum Abschluss stellt sich nur eine Frage: Warum nur wollen so viele Menschen lieber Mauern bauen als Brücken?

Beitragsbild: Lektor und Moderator der Veranstaltung Dr. Gregor Ohlerich (links) und die Autorin Kristina Sellmayr (rechts). © Caroline Heysel


Die Veranstaltung: Kristina Sellmayr liest aus »Und ich lebe doch!«, Moderation: Dr. Gregor Ohlerich, 16.3.2018, 13.30 Uhr

Das Buch: Kristina Sellmayr: Und ich lebe doch! – Geschichten über das Ankommen in Deutschland. Vielfalt Verlag, Leipzig 2017, 92 Seiten, 12,90 Euro


 

 

Die Rezensentin: Caroline Heysel

 


 

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