Ausflug in eine verschwundene Welt

Matthias Scherwenikas liest aus »Kaddisch für mein Schtetl« von Grigori Kanowitsch.

Das Ariowitsch-Haus im Norden Leipzigs ist ein beeindruckendes Gebäude. Die Besucher der heutigen Veranstaltung bekommen es aber nur von außen zu sehen, denn sie werden ins Souterrain gelotst, in einen modernen Anbau unter der eigentlichen Villa. Aber auch hier merkt man sofort, dass es sich bei dem Ariowitsch-Haus um ein jüdisches Kulturzentrum handelt: Oben an der Decke prangt das Relief eines großen Davidsterns, und hinter der Bühne steht ein Chanukka-Leuchter. Das Publikum füllt den großen Raum nur zur Hälfte und besteht vor allem aus älteren Herrschaften mit Brille und grauen Haaren.

Auf der Bühne sitzen Vorleser Matthias Scherwenikas und die Moderatorin des Abends. Der Autor von »Kaddisch für mein Schtetl«, Grigori Kanowitsch, ist selbst nicht erschienen. Zu weit sei ihm die Reise, das sei ihm zu anstrengend, lässt die Moderatorin ausrichten, die Kanowitsch persönlich kennt. Schließlich ist er schon 87 Jahre alt und lebt in Israel.

Kanowitsch_Kaddisch für mein Schtetl_U1.inddScherwenikas beginnt die Lesung mit dem ersten Kapitel des Romans, nicht aber ohne zuvor das dem Buch vorangestellte Volkslied vorzulesen, ein Loblied auf die jiddische Mutter. Familie ist überhaupt das große Thema, denn Kanowitsch hat einen Familienroman geschrieben. Er beschreibt in eindrücklichen, berührenden Bildern die letzten Jahre des litauischen Schtetls Jonava. Dabei blickt er auf die Geschichte seiner Familie zurück, die geprägt war von den großen Umwälzungen in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Für die Lesung wurden jedoch zwei heitere Kapitel ausgesucht, in denen von diesen Umwälzungen nichts zu spüren ist. So können sich die Zuhörer ganz auf die leicht nostalgischen Beschreibungen des Lebens im Schtetl einlassen, und sie erfahren nebenbei viel über die jüdische Kultur zu dieser Zeit. Ein Kaddisch ist beispielsweise ein Gebet. Entsprechend andächtig ist das Schweigen, während die Zuhörer dem gekonnten Vortrag Scherwenikas folgen. Insgesamt ist die Lesung, wie auch Kanowitschs Roman, ein Ausflug in eine längst verschwundene Welt. Und so verlässt man nach dem Ende der Veranstaltung am frühen Abend das Ariowitsch-Haus in Wehmut.


Die Veranstaltung: Matthias Scherwenikas liest aus Kaddisch für mein Schtetl von Grigori Kanowitschs, Ariowitsch-Haus, 18.3.2016, 17 Uhr

Das Buch: Grigori Kanowitsch: Kaddisch für mein Schtetl. Übersetzt von Ganna-Maria Braungardt, Aufbau Verlag, Berlin 2015, 509 Seiten, 24,95 Euro


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Die Rezensentin: Judith Rothe

 


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