Aufruhr im Widerstand

Im Conne Island diskutiert eine Szene unter dem Motto »Vorsicht Volk!« über ihr Volk.

Heute ist der 19. März, und damit befinden wir uns am Anfang der Tage der Commune. Im Gegensatz zu den Pariser Kommunist*innen, mag sich im kritisch-linken Konsens allerdings niemand gern erinnern an die Zeit, in der ein Volk noch ein Volk war. Die Zeit, in der Zigarettenrauch in den Lungenflügeln noch etwas Widerständiges hatte, scheint auch vorbei zu sein. Rauchverbot im Conne Island. Natürlich nicht strikt, aber unter Rücksichtnahme auf die »Menschen unter uns, die kleine Menschen ausbrüten«.

Natürlich schwingt Ironie mit, wenn Markus Liske, der gemeinsam mit Manja Präkles das Buch »Vorsicht Volk!« herausgegeben hat, so etwas sagt. Neben den beiden sitzen noch Kirsten Achtelik, Ivo Bozic und Anselm Neft, deren Beiträge in der Anthologie abgedruckt sind. Und natürlich lacht der überfüllte Saal, in dem fast nur junge Student*innen sitzen, wenn Kirsten Achtelik in ihrem Text »Ein Volk stirbt im Mutterleib« selbsternannten Lebensschützern entgegenschleudert: »Eure Kinder werden so wie wir!« Achtelik ist wirklich »großartig«, wie eine Besucherin meint, eben »weil sie die einzige Rednerin ist, die Haupt- und Nebenwiderspruch bezüglich Feminismus und Kapitalismuskritik betont«.

Verbrecher coverWer allerdings vor dem Volk gewarnt werden soll, erschließt sich nicht. Die Veranstaltung bietet eine Analyse der Situation sowie deren eindrückliche Vermittlung und das bei freiem Eintritt. Doch das Publikum bleibt genauso homogen wie Pegida. Und so trifft sich im Conne Island eine Szene, die Probleme benennt und angeht –  nur der Kontakt zum Volk bleibt aus. Das sind jedoch Detailfragen. Immerhin besticht die Dekoration des Islands durch schlichtes Schwarz und die Getränkeauswahl auf dem Podium durch Vielfalt. Wer sich zwischen Wasser, Coca Cola und Heineken in handlichen 0,33 l Flaschen nicht entscheiden kann, dem ist schließlich auch nicht mehr zu helfen. Und wer den Metatext von Anselm Neft, also den »Text über den Text, der den Schlüssel liefert zu dem Text«, welcher in der Anthologie von ihm veröffentlicht wurde, nicht versteht, der ist vielleicht einfach zu dumm.

War es jetzt von »Du bist Deutschland« (NS-Kundgebung) nicht mehr weit zu »Wir sind das Volk« (Pegida), oder war es nicht mehr weit von »Wir sind das Volk« (Montagsdemonstration) zu »Du bist Deutschland« (Bertelsmann)? Im Schatten des Völkerschlachtdenkmals scheint sich nicht nur in Leipzig ein immer wiederkehrendes Historiendrama mit echten Laiendarstellern abzuspielen. Schließlich kann es kaum noch deutlicher ausgedrückt werden, als Kirsten Achtelik es in ihrem Beitrag tut: Da draußen gibt es ein Volk, das mit »blutigen Föten-Teilen« und »Holocaust-Vergleichen« bei Laune gehalten werden will.


Veranstaltung: Kirsten Achtelik, Ivo Bozic, Markus Liske, Anselm Neft und Manja Präkles stellen die Anthologie »Vorsicht Volk! Oder: Bewegungen im Wahn?« vor, Conne Island, 19.3.2016, 19.00 Uhr

Buch: Markus Liske und Manja Präkels (Hg.): Vorsicht Volk! Oder: Bewegungen im Wahn? Verbrecher Verlag, Berlin 2015, 192 Seiten, 18 Euro, E-Book 11,99 Euro


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Philipp Moritz

 

 


 

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