Auf ein Wort mit Herrn Bichte

Ein Mops, der Bücher rezensiert? Was? Das geht? Und ob! Auf dem Literaturblog „Herr Bichte liest“ werden allerhand Lektüreempfehlungen geteilt, rezensiert und besprochen. Leipzig Liest hatte die Chance, Deutschlands ersten und einzigen Literaturhund und sein Frauchen auf ein E-Mail-Interview zu treffen.

LL = Leipzig Liest

HM = Frau Christiane Munsberg & Herr Bichte

LL: Hallo Herr Bichte! Und auch ein herzliches »Hallo« an dein Frauchen Frau Munsberg. Vielen lieben Dank für eure Zeit! Die ist sicherlich enorm begrenzt, als Deutschlands einziger jetsettender Literatur Mops, oder?
HB: Eines vorweg: Ich bin kein Jetsetter, am liebsten bin ich in Berlin! Aber vor drei Wochen durfte ich mit meinem Frauchen Christiane zum ersten Mal mit dem Zug fahren. Es ging nach Leipzig zur Pressekonferenz der Leipziger Buchmesse. Übrigens, was meinen Sie eigentlich mit »Dank für Eure Zeit«? Dazu fällt mir Goethes Faust ein: »Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang.« Für mich gilt: Wer gehört werden will, muss sich Zeit nehmen. Übrigens haben wir uns in Leipzig gerne die Zeit genommen, um mit unserer Freundin Ute von der Connewitzer Buchhandlung über die neusten Bücher zu fachsimpeln.

LL: Wie wurdet ihr zwei überhaupt zum literarischen Duo? Gesucht und gefunden?
HB: Christiane hat im der Süddeutschen Zeitung gelesen, dass Hundebesitzer länger leben, nämlich: »Hundebesitzer leiden seltener an Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Diabetes und bewegen sich im Durchschnitt mehr als Menschen, die nicht regelmäßig mit einem Tier raus müssen.« Da Christiane sich zu wenig bewegte, hat sie mich als ihren Personal Trainer engagiert. Jetzt gehen wir jeden Tag drei Mal spazieren. Und da ich damit nicht ausgelastet bin und Christiane so viele Bücher und Zeitungen lesen muss, habe ich auch damit angefangen. Was soll ich auch sonst tun, wenn sie arbeitet?

LL: Wie kam es denn dazu, dass ihr über Bücher bloggen wolltet? Wie sah der Prozess aus, von der Idee bis zum ersten Post?
HB: Christiane gehört zu den Internet-Freaks der ersten Stunde: Mit ihrem »Mount Media« eroberte sie sich bereits 1998 das Internet. Facebook entdeckte sie für »Das Blaue Sofa« im Februar 2009, zuerst hatte sie nur eine Personenseite, dann die Gruppe »Das Blaue Sofa« mit über 5.000 Mitgliedern. Dort wird rege über Literatur diskutiert. Dann wollte Christiane leider herausfinden, was passiert, wenn man seine Gruppe zu einer »geheimen Gruppe« macht. Danach wusste sie, dass eine »geheime Gruppe« mit mehr als 1.000 Mitgliedern nicht mehr »öffentlich« zugänglich gemacht werden kann. Das bedeutete: es gab keine zufälligen Besucher mehr, die die Diskussionen der Gruppe verfolgt hatten. Das war so blöd, dass Christiane und ich gemeinsam die öffentliche Gruppe »Herr Bichte liest« gründeten. Hier kann jeder, der sich ordentlich benimmt, über Bücher, die Büchermenschen und Kultur plaudern und diskutieren. Wir schreiben dort Lesetipps und posten interessante Links aus dem kulturellen Leben.

LL: Apropos Bücher: welche Exemplare landen bei euch eigentlich auf dem Tisch? Besondere Vorlieben oder doch lieber buntgemischt?
HB: Christiane liest am liebsten Biographien und Literatur. Unterhaltungsliteratur und vor allem Krimis konsumiert sie wie einen sauren Drops: Sie lutscht etwas daran, das war’s. Da ich erst eineinhalb Jahre alt bin, muss ich mich auf die Lesetipps meines Frauchens verlassen. Also lesen wir meistens die Bücher gemeinsam. Ich habe ja noch sehr wenig Leseerfahrung.

LL: Und wonach sucht ihr eure Lektüre aus? Schließlich kommen jede Woche so viele Bücher auf den Markt, dass man doch ständig das Gefühl haben muss, den nächsten Trendwälzer schon verpasst zu haben, oder?
HB: Da wir von den Verlagen viele Bücher zugeschickt bekommen, haben wir eine große Auswahl. Wir mögen vor allem Bücher von oder über berühmte Berliner oder Bücher, die in Berlin spielen. Zuletzt haben wir Gabriele Tergits Erinnerungen »Etwas Seltenes überhaupt« verschlungen: Die 1894 geborene Gabriele Tergit lebte als Journalistin und Schriftstellerin in Berlin. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Gerichtsreportagen. Daneben schrieb sie drei Romane und zahlreiche Feuilletons sowie eben die genannten, posthum veröffentlichten, Erinnerungen. Da die Nazis sie als Jüdin verfolgten, floh sie. Sie emigrierte 1933 nach Palästina. 1938 zog sie nach London. Tergits Roman »Käsebier erobert den Kurfürstendamm« haben wir auch gelesen. Der Roman spielt im Berliner Journalistenmilieu 1929. Ein Reporter hat den Sänger Käsebier in einem Varieté entdeckt, nun will er seinem Chefredakteur zeigen, dass er ein Näschen für angehende Superstars hat und schreibt ein paar hinreißende Artikel. Es entsteht ein echter Hype, der Gesangskünstler avanciert zum Megastar: Käsebier kann seine Hits »Mensch, ist Liebe schön« und »Wie soll er schlafen durch die dünne Wand« vor der High Society von Berlin trällern, die Ufa plant einen Käsebier-Film, ein Bauunternehmer wittert einen großen Deal… Mir hat gefallen, wie präzise und bitterböse Gabriele Tergit die Mechanismen eines Medienhypes schildert. Außerdem hat mich das ehemalige Zeitungsviertel von Berlin fasziniert. Heute weiß ja kaum jemand, dass sich dessen Zentrum entlang der Leipziger Straße befand. Selbstverständlich sind wir nach der Lektüre des »Käsebier« dorthin gefahren und haben uns die Gegend angesehen.

Mops mit Tergit uns Swartz © Christiane Munsberg

LL: Welches Buch liegt gerade auf eurem Nachttisch? Und welches steht ganz oben auf eurer To-Do-Liste?
HB: Ganz atemlos ausgelesen haben wir »Austern in Prag. Leben nach dem Frühling« von Richard Swartz. Der schwedische Osteuropa-Experte Richard Swartz erinnert sich in seinem autobiographischen Roman an die Stimmung in der tschechischen Hauptstadt nach der Niederschlagung des Prager Frühlings. Nach seinem BWL-Diplom flüchtet der junge Richard vor einer Zukunft als angehender Kaufmann und Ehemann an einen Ort, »von dem alle wegwollen«, also nach Prag. In dieser »Zeit der Normalisierung« ist die Stadt von den Sowjets politisch und ethnisch gesäubert, es gibt weder Juden noch Deutsche, keine Intellektuellen und keine Schriftsteller und Touristen gibt es noch nicht. Kaviardosen werden in den Auslagen der Geschäfte zu kunstvollen Türmen geschichtet, verkauft werden dürfen sie nicht. Kein Mangel herrscht jedoch am tschechischen Bier. In Ermangelung von fester Nahrung trinken es einfache Menschen zuweilen schon zum Frühstück. So wird für Swartz der Besuch einer Prager Bierkneipe zum Gang zu einem Gottesdienst: »Die Bierschenke ist ein Ort, um sich zu entziehen, und die Aufgabe der Kellner besteht darin, die Gäste hier ungestört und in Frieden zu lassen. Dieser Ort gleicht nicht so sehr einem Arbeitsplatz als vielmehr einem Tempel, in dem sich alle zum großen Vergessen bekennen. Eine Zeremonie oder ein Ritual von beinahe heiliger Art.« Als jugendlicher Mops ist mir aufgefallen, dass der heute 73-jährige Swartz in dem Buch nicht wirklich jung ist: Beispielsweise erfährt man nichts über Musik (kannte man in Stockholm die Beatles nicht?), Freunde oder Kommilitonen. Stattdessen streift er wie ein schwedischer Steppenwolf durch die ehemals »goldene Stadt«, lernt mühsam die Sprache und wird zur willigen Beute von Frauen, die vor allem auf seinen schwedischen Pass scharf sind. Doch er lebt sich ein und wird zum genauen Beobachter: »Im Prag der 70er Jahre gibt es keine Staatsbürger, nur Untertanen«, stellt Swartz fest, »Der Staatsbürger, den es hier lange vor dem Krieg bereits gab (und für mitteleuropäische Verhältnisse waren es ungewöhnlich viele), hat getan, was die Prager immer taten, sobald ein äußerer Feind übermächtig geworden war – er ist zu sich nach Hause gegangen. Hinter der Haustür hat er zusammen mit Handschuhen und Hut auch den Staatsbürger abgelegt, als handle es sich um einen Mantel. Jetzt ist man ausschließlich Untertan. Bis auf weiteres, auf unbestimmte Dauer, macht der Staatsbürger Pause. Das ist nicht ohne Risiko. Es gibt keine Garantie dafür, dass der Mantel, den man abgelegt hat, noch da hängen wird und sich finden lässt, sobald es wieder Zeit für den Staatsbürger ist. Aber in Prag ist man bereits daran gewöhnt, sich mit Paragrafen, Kleingedrucktem und Parlamentsbeschlüssen zu verteidigen; nicht mehr zu Pferd und mit gezücktem Säbel wie die polnischen und ungarischen Nachbarn, die nach wie vor in Gesellschaften leben, die eher feudal als bürgerlich sind.« Über die Politklasse schreibt Swartz: »Wir, die die Macht haben, versprechen, dass wir euch in Ruhe lassen. Wenn ihr versprecht, uns in Ruhe zu lassen. Wir tun so, als regierten wir, und ihr tut so, als ließet ihr euch regieren. Wir befehlen nicht mehr, und ihr tut so, als gehorchtet ihr unseren Befehlen.« Als ihm jedoch sein Doktorvater für die Dissertation schließlich gefälschte Wirtschaftszahlen vorlegt, flüchtet sich Swartz in die großen Mythen und die großen Literaten des Landes, wie Jaroslav Hašek, Karel Čapek und Bohumil Hrabal. Besonders fasziniert ist er vom Mythos des Golems: »Der Golem ist ja nichts anderes als ein sehr früher Versuch, gerade hier in Prag einen neuen Menschen zu schaffen, genau wie der Sozialismus unserer Tage es will. Der Unterschied ist nicht besonders groß. Der neue sozialistische Mensch ist zwar von der Partei geschaffen und der Golem von einem frommen Rabbi, aber eigentlich sind sie Brüder, beide Sklaven oder eine Art Diener, die gehorchen und tun müssen, was man was man ihnen sagt. Der einzige Unterschied ist, dass die Partei behauptet, der neue Mensch, den man schaffen wolle, sei freier und glücklicher als der alte ausgebeutete und unterdrückte von gestern, obwohl er selbst nicht gefragt wurde, ihm selbst nicht gestattet ist, das für uns zu bestätigen, weil er ebenso stumm ist wie der Golem. Es ist die Zensur der Partei, die ihn zum Schweigen bringt, die ihn hindert, dagegen zu protestieren, dass er, statt befreit zu werden, zu einem Werkzeug in den Händen der Partei wurde. Wer kann das bestreiten?« Mir gefiel der melancholisch-heiter Ton, in dem Swartz die grauen und bleiernen Jahre nach dem Prager Frühling aus dem Blickwinkel des jungen Studenten schildert. Warum er es gerade heute tut und was er damit über Europa sagen will – das muss Christiane ihn während der Leipziger Buchmesse dringend fragen. Wie man sieht, habe ich dieses Buch sehr gründlich gelesen.
LL: Und welches Buch hat euch zuletzt so richtig gefesselt?
HB: Uns fesselt am meisten das Buch, das wir zuletzt von A bis Z gelesen haben. Ich fand beispielsweise Wolf Haas‘ »Junger Mann« spitze. Warum? Erstens bin auch ich jung und zweitens fresse ich genauso gern wie der Ich-Erzähler. Nur muss ich – Gottseidank! – (noch) nicht abnehmen…

Mops mit Haas © Christiane Munsberg

LL: Aber ist das Lesen nicht auch unheimlich zeitaufwändig – neben Gassi gehen, schlafen und herumreisen?
HB: Nein, wer lesen will, muss sich Zeit nehmen. Allerdings: wenn uns ein Buch nach dreißig Seiten langweilt, dann legen wir es in die Ecke oder spenden es einer öffentlichen Bibliothek. Das bedeutet aber nicht, dass die zur Seite gelegten Bücher schlecht sind. Manche Themen interessieren uns nicht und manchmal ist einfach nicht der richtige Zeitpunkt für dieses Buch. Deshalb sollte man Lieblingsbücher immer mal wieder lesen. Übrigens: wenn man in eine Buchhandlung geht, kann man Gassigehen und Lektüre sinnvoll miteinander verbinden. Hier stöbere ich in meiner Berliner Lieblingsbuchhandlung »Geistesblüten« am Walter-Benjamin-Platz.

LL: Blogartikel sind ja doch meist eher kurzgehalten. Ein richtig gutes Buch kann ja aber schon mal gut und gern über 500 Seiten haben – also jede Menge Lesestoff, den man meist schwierig in wenigen Sätzen besprechen kann. Kann man in der Kürze überhaupt angemessen urteilen?
HB: Die Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing schrieb 1971 im Vorwort zu »Das goldene Notizbuch« etwas über die Rezeption von Büchern, was für uns bis heute gilt: »Daß es nämlich kindisch von einem Schriftsteller ist, zu wollen, daß die Leser sehen, was er sieht, daß sie die Form und die Aussage eines Romans so verstehen wie er sie versteht – wenn er dies will, bedeutet das, daß er den wesentlichsten Punkt nicht verstanden hat. Daß nämlich das Buch nur dann lebendig kraftvoll und befruchtend ist, fähig, Gedanken und Diskussion zu fördern, wenn sein Entwurf, seine Form und seine Intention nicht verstanden werden, denn der Moment, in dem Form und Entwurf und Intention verstanden werden, ist auch der Moment, in dem nichts weiter herauszuholen ist. Wenn das Muster eines Buches und die Form seines inneren Lebens für den Leser so offenkundig ist wie für den Autor – dann ist es vielleicht Zeit, das Buch wegzuwerfen, als eines, dessen Tage vorbei sind, und mit etwas Neuem zu beginnen.«

LL: Besprecht ihr nur Bücher, die euch auch gefallen haben? Was macht ihr, wenn euch ein Buch so überhaupt nicht gefällt?
HB: Marcel Reich-Ranicki hat zwei Sammelbände mit Rezensionen herausgegeben: »Lauter Lobreden« und »Lauter Verrisse«. Der legendäre Literaturpapst behauptete, dass sich die Verrisse viel besser verkauften als die Lobreden. Wir wollen keine Literaturpäpste werden und deshalb schweigen wir, wenn uns ein Buch nicht gefallen hat.

LL: Worauf kommt es beim Bücherrezensieren eurer Meinung nach am meisten an? Also, was genau macht für euch ein gutes Buch aus?
HB: Für uns ist ein Buch ist für uns dann gut, wenn wir es in einem Zug atemlos zu Ende lesen. Wir sind ja keine Literaturkritiker in einer Zeitung. Uns gefällt allerdings nicht, wenn eine Rezension nur Inhalte nacherzählt. Das kann jeder. Am Ende einer Buchbesprechung sollte man erstens erkennen, dass die Rezensentin oder der Rezensent das Buch wirklich gelesen hat und zweitens sollte man dann wissen, welche Haltung sie oder er beim Lesen zu dem Buch entwickelt hat.

LL: Und wie verpackt man das dann alles in einem Artikel? Wie sieht für euch die perfekte Rezension aus? Darf auch mal gespoilert werden oder geht ihr nach einem Schema vor?
HB: Wir schreiben nicht nach Schema F, sondern lieber das, was uns beim Lesen durch den Kopf geht. Oft recherchiert Christiane im Internet, ob unsere Lese-Eindrücke stimmen können. Bei Richard Swartz‘ Buch haben wir beispielsweise eine Menge über den Prager Frühling gelesen, weil wir uns den historischen Kontext des Romans vergegenwärtigen wollten. Bei unsren Lese-Tipps sind wir eher gute Buchhändler: wir wollen neugierig machen auf die Lektüre. Und spoilern… das geht gar nicht!

LL: Wie sehr stören euch schlecht lektorierte Bücher?
HB: Schlecht lektorierte Bücher finden wir so ärgerlich, dass wir sie schnell weglegen und lieber ins Fernsehprogramm gucken.

LL: Was ist schlimmer? Nervige Rechtschreibfehler oder Logik-/Plotfehler?
HB: Wenn wir in Fahnen Fehler entdecken, schreibt Christiane das dem Verlag und wenn uns das Buch eigentlich gefällt, lesen wir auch einmal gnädig über Fehler hinweg. Aber wenn ein Buch voller Rechtschreibfehler ist, dann denken wir nach – und zwar über den Verlag. Merke: Andere Verlage haben vielleicht bessere Bücher!

LL: Ihr seid ja auf etlichen Social-Media-Kanälen zu finden: Instagram, Facebook und Co: überall findet man auch Herrn Bichte und seine Bücher. Wer gehört denn da so zu eurer Community? Und wie sieht der Austausch aus?
HB: Auf Facebook etc diskutieren wir meistens mit einer Gruppe von Lese-Senioren, also mit der Zielgruppe 50plus. Die lesen genauso viel wie wir und sind dankbar für gute Buchttipps. Christiane sagt, dass ich mit meinen 1,5 Lenzen (= 7,5 Hundejahre) den Altersdurchschnitt dramatisch senke. Übrigens, wenn‘s nach mir ginge, würden wir nur Bücher für Jung und Alt empfehlen! Wie beispielsweise die wunderbare Graphic Novel »Heimat« von Nora Krug, https://bit.ly/2EFG42X. Die in Karlsruhe geborene Journalistin Nora Krug lebt seit 17 Jahren in New York. Für ihre Familie wollte sie wissen, was ihre Großeltern im zweiten Weltkrieg gemacht haben, ob sie bei der Judenverfolgung mitgemacht haben. (Noras Mann ist Jude). Nora recherchierte also Archiven, bei Verwandten und ehemaligen Nachbarn. Daraus entstand ein Fundus an Informationen, Fotos, Dokumenten, Briefen, Gegenständen und Geschichten, aus denen sie eine sehr lesenswerte »Heimat«-Geschichte gemacht hat, die selbst den strengen Kritiker-Papst Denis Scheck beeindruckte. er urteilte: »Ein spektakuläres Debüt!«

LL: Literaturkritiker äußern sich ja immer wieder recht abfällig über Buchblogs. Könnt ihr erklären, warum? Ist die Kritik berechtigt?
HB: Literaturkritiker haben einen anderen Job als beispielsweise Buch-Influencer. Der von Christiane hochgeschätzte Christopher Schmidt beschrieb das in der Süddeutschen Zeitung vor einigen Jahren so: »Der Kritiker, der seinen Namen verdient, zeichnet sich durch die eigene, auch unpopuläre Meinung aus, gebunden an die Pflicht, für diese Meinung Argumente ins Feld zu führen. Kein Standpunkt ist etwas wert, der nicht begründet wird und dadurch die Maßstäbe offenlegt, auf denen er beruht. Im Idealfall ist Kritik ein offenes Reflexionsmedium, Einladung zu einem moderierten Gespräch über ihren Gegenstand. Denn vor aller Urteilskraft heißt Kritik immer auch Vermittlung. Insofern schlägt sie eine Brücke zwischen der Sache der Kunst, der sie alles verdankt, und dem Leser, dem und nur dem sie verpflichtet ist, als sein Anwalt und Stellvertreter. Der Kritiker sollte sich daher nicht als Teil des Betriebs verstehen, sondern als dessen Gegenteil. Offene Augen sind das einzige Kapital, das er besitzt. Allein das Vertrauen der Leser verleiht ihm sein Mandat. Um aber dieses Vertrauen zu rechtfertigen, braucht der Kritiker eine Zeitung hinter sich, deren Unabhängigkeit die seine erst ermöglicht. Was die Zeitungskritik von vielen anderen Meinungsäußerungen unterscheidet, ist nicht ihr Deutungsmonopol oder ihr Publikationskanal, es ist die Verlässlichkeit einer festen Adresse. Diese Adresse nennt man Redaktion, und der Redaktion der Süddeutschen Zeitung haben nicht zufällig viele bedeutende Kritiker angehört wie Joachim Kaiser, Ivan Nagel, Reinhard Baumgart oder Michael Althen, um nur einige zu nennen.«

LL: Bald steht ja wieder die Leipziger Buchmesse an. Werdet ihr auch vor Ort sein? Worauf freut ihr euch ganz besonders? Und wie wichtig ist so ein Event eigentlich als Literaturblog?
HB: Christiane reist nach Leipzig, ich bleibe in Berlin und mache in der Buchmesse-Woche ein Verlagspraktikum bei Barbara Kalender und Jörg Schröder vom legendären März Verlag, der im Sommer in Leipzig seinen 50. Geburtstag mit einer großen Jubiläumsausstellung feiert. Vielleicht darf ich dann Jörg und Barbara nach Leipzig begleiten und mitfeiern?

Mops mit Märzbüchern © Christiane Munsberg

LL: Und zu guter Letzt: Nennt doch drei eurer liebsten Bücher, die ihr von Herzen empfehlen würdet.
HB: Wir empfehlen drei aktuelle Bücher und einen Klassiker:
1. Julian Barnes: »Die einzige Geschichte«
2. Jan Konst: »Der Wintergarten«
3. Iwan-Michelangelo D’Aprile: »Fontane. Ein Jahrhundert in Bewegung«
4. Peter Merseburger: »Weimar. Zwischen Geist und Macht.«
Anhand dieser Liste erkennt man: wir lieben historische Bücher, die gut geschrieben sind, denn man lernt eine Menge dazu und ist glänzend unterhalten!

Mops mit Empfehlungen © Christiane Munsberg

LL: Wir danken euch herzlich für eure Zeit und das Interview!
HB: Da nich für. Mir hat‘s Spaß gemacht und vielleicht konnten wir unentschlossenen Lesern, die eure Seiten lesen, gute Tipps geben. Und tschüss!


Die Rezensentin:

Annika Bode

3 Gedanken zu „Auf ein Wort mit Herrn Bichte

    1. Liebe Kommentatorin,
      Das war wirklich ein langer Blogpost. Aber dafür gibt es auch viel tolle Empfehlungen abseits der Bestseller-Regale! Was Mopse so alles lesen… Ab morgen berichten wir von der Buchmesse, von langen, kurzen, luftigen und tiefsinnigen Lesungen. Vielleicht ist da etwas für Sie dabei?

  1. Ich fand das Interview sehr schön. Mir haben die Fragen, wie auch die (durchaus) langen, aber vor allem informativen Antworten gefallen. Werde mir auch mal die Buchtipps genauer ansehen 😉 Würde mir mehr von solchen Interviews wünschen.
    Ach und… spätestens nach dem ersten Bild hattet ihr mich eh schon! 🙂

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