Auf der Suche nach den verlorenen Traumata

Sharon Dodua Otoo liest aus ihrem Debütroman »Adas Raum« und spricht über die Tradition des Sankofa und warum es eigentlich keine gute Idee war ihren Roman auf Deutsch zuschreiben.

Wie geisterhafte Schemen sitzen die wenigen zugelassenen Zuschauenden im Dunklen und blicken zur hellerleuchteten Bühne, auf welcher Otoo und Moderatorin Ellen Schweda in roten Sesseln platzgenommen haben. Hinter den Beiden wird der alte Säulenbogen, welcher die Leinwand des UT-Connewitz umfasst, in ebenso rotes Licht getaucht. Auch ohne physisch vor Ort zu sein lässt sich die besondere Atmosphäre des alten Lichtspieltheaters spüren. Die verblassten Farben der Wände. Der abgebröckelte Putz, welcher den blanken Beton preisgegeben hat. Es ist ein Raum, der die Spuren seiner Vergangenheit nicht versteckt, sondern offen zur Schau stellt.

© S. Fischer Verlag

Passender hätte der Ort für die Lesung von »Adas Raum« kaum seinen können, geht es in Otoos Roman doch eben um die Traumata der Vergangenheit und ihre Wirkung in der Gegenwart. Mit großer Sensibilität und präzisen Humor liest Otoo von vier Frauen verschiedener Jahrhunderte, welche zunächst nur durch den Namen Ada und ein antikes Perlenarmband verbunden scheinen. In den kurzen nicht-chronologischen Episoden erzählt sie unter anderem von dem Tod eines Säuglings in einem westafrikanischen Dorf im 15. Jahrhundert, dem einschnürenden Leben im viktorianischen England und dem Leid im KZ Mittelbau-Dora. Es sind Schlaglichter auf Einzelschicksale, welche sich jedoch miteinander verbinden, sich verweben und so die Kämpfe und die traumatischen Geschichten derer erleuchten, welche so oft ungesehen bleiben.

In dieser Erzählweise bleibt vieles nebulös, sie verwirrt und überfordert – und das ist auch genauso gewollt. Die emotionale Bindung sei entscheidend, nicht das unbedingte Verstehen, auch wenn das für einige nur schwer auszuhalten sei, so Otoo. Es sei schließlich auch kein historischer Roman, sondern stünde eher in der Tradition des Sankofa. Einem Rückgriff auf die Vergangenheit, um besser in die Zukunft zu gelangen. So geht es im Gespräch mit Schweda auch um ihre Rolle als Aktivistin und den Weg zu mehr Diversity im Literaturbetrieb. Trotz dieser Themen herrscht eine angenehme Leichtigkeit, etwa wenn Otoo über die Schwierigkeiten berichtet, als Bachmann-Preisträgerin ihren Debütroman in einer Zweitsprache auch noch während einer Pandemie zu schreiben. »It’s not a good idea actually«, sagt Otoo und lacht. Zum Glück hat sie es trotzdem getan, denke ich mir. Im Dunkeln, vor dem Leuchten meines Bildschirms.

Beitragsbild: Sharon Dodua Otoo liest aus »Adas Raum« © UT Connewitz. Livestream-Screenshot: © Niklas von Mauschwitz


Die Veranstaltung: Sharon Dodua Otoo und Ellen Schweda im UT-Connewitz am 28.05.21 – 20:00 bis 21:20. Live-Stream auf Facebook.


Das Buch: Sharon Dodua Otoo: Adas Raum. Frankfurt a. M.: S. Fischer Verlag 2021, 320 Seiten, 22,00 Euro.


Der Rezensent: Niklas von Mauschwitz