An Worte halten, ein Leben lang

Saša Stanišić liest im Kaiserbad aus seinem Roman »Herkunft«

»Du stehst vor der Tür und liest: Ziehen. Das ist eine Tür. Das sind Buchstaben. Das ist Z. Das ist I. Das ist E. Das ist H. Das ist E. Das ist N. Ziehen. Willkommen an der Tür zur deutschen Sprache. Und du drückst« wird Stanišić später seine ersten Erfahrungen mit der deutschen Sprache schildern aber gerade stehe ich noch Draußen, ebenfalls vor einer Tür und die Veranstaltung ist voll. Es kommt niemand mehr rein. Ich sage, dass ich eine Rezension schreiben muss. Die Frau, die den Einlass macht fragt nach meinem Presseausweis. Ich sage: »Habe ich nicht.« Sie sagt: »Einen Moment bitte.« Und schleust mich dann hinein, während andere abgewiesen werden. Manchmal hat man Glück, manchmal trifft man auf Verständnis. Ich stelle mich auf die Treppe, ganz hinten, wie man mir gesagt hat. Aus alten Ziegeln bestehende Wände tragen eine hölzerne Decke, von der große Scheinwerfer – industrial chic – hängen, die warmes Licht verbreiten. Das Publikum sieht nett und ein bisschen langweilig aus. Karierte Hemden, Schiebermützen, schlichte Brillen mit dickem Rand. Die meisten sind zwischen vierzig und sechzig.

Das Kaiserbad © Leon Tiemeier

Der Autor besteigt die Bühne, testet das Mikrofon, fragt: »Kann man mich gut verstehen?« und nach bejahender Antwort »Gut wir haben noch zehn Minuten.« Der Saal lacht – nicht das letzte Mal an diesem Abend. Stanišićs Auftreten ist mindestens so sympathisch, wie es seine Bücher vermuten lassen. Als der – etwas neben der Spur wirkende – Moderator sich in dem »Schmuck« (wie die diakritischen Zeichen im Buch genannt werden) des Autorennamens verheddert, erzählt dieser einfach von einem Besuch in Dresden, wo ein Moderator ihn Stasinix genannt hatte.
Stanišić beginnt die Lesung mit seiner Geburt im heute bosnischen Višegrad, es folgen die Bemühungen vor der Ausländerbehörde, dreißig Jahre später, nach seiner Flucht »die heute vor einem Stacheldrahtzaun enden würde«, Zeugnis über sein Leben abzulegen. Er beschreibt den Regen am Tag der Niederkunft zu seiner Großmutter väterlicherseits, deren Demenz eines der Hauptthemen des Buches ist: »Sie kümmerte sich auch in den ersten Jahren meines Lebens viel um mich, da meine Eltern studierten (Mutter) beziehungsweise berufstätig waren (Vater). Sie war bei der Mafia, schrieb ich, und bei der Mafia hat man viel Zeit für Kinder«.

Cover © Luchterhand Literaturverlag

Im Lebenslauf wird verändert, gestrichen und neu geschrieben. »Arsch« wird zu »Gesäß«, schließlich will man ja eine vielleicht penible Sachbearbeiterin nicht verärgern.
Hierbei wird bereits klar, dass es in dem Buch auch ums Erzählen selbst geht. Teil des komplizierten Geflechts aus Wahrheit und Fiktion, mit dem der Autor spielt, ist das Choose-Your-Own-Adventure-Konzept. Die Großmutter fragt nach ihrem Mann, der sich auf dem Vijarac befinden soll. Seinem Heimatberg, dem Zentrum eines Drachenmythos. Dann entscheidet der Leser, beziehungsweise das Publikum, ob man ihr die Wahrheit sagen soll, nämlich, dass ihr Mann schon lange tot sei oder dass man zwar nicht genau weiß, wo »ihr Pero« bleibt, aber niemanden kennen würde, der freiwillig lange Zeit bei den Drachen verbrächte.
Stanišić schreibt reflektiert-autobiografisch, denn die Frage nach seiner eigenen Herkunftsgeschichte ist schwer zu beantworten und das liegt nicht an den Familienwirren oder daran, dass er aus einem Land kommt, dass heute nicht mehr existiert, sondern an der Verknüpfung zwischen Herkunft und der Geschichte, die man über sie erzählt, mit der sie unentwirrbar verstrickt ist. Die Komplexität steckt häufig in den Details. Doch ist es für die Lektüre gar nicht notwendig, alle Kniffe des Autors nachzuvollziehen. Stanišić überzeugt mit Leichtigkeit, Witz und einer pointierten Gesellschaftskritik, die sich im zärtlichen Umgang mit seinen Figuren entfaltet. Der Text bekommt durch seinen Vortrag eine ganz eigene Dynamik, denn es ist Stanišićs Geschichte und das selbst an den Stellen, wo sie widersprüchlich ist und man nicht mehr weiß, welcher Erzählung man glauben soll.
An einer Stelle schreibt er über seine Großmutter mütterlicherseits, die die Zukunft aus Bohnen liest: »Eine Großmutter, die das Alphabet der Nierenbohnen beherrschte und die mir riet, dass ich mich an Worte halten solle, ein Leben lang, dann werde zwar trotzdem nicht alles gutgehen, aber einiges lasse sich besser ertragen. Oder an Edelmetalle. Da hätten sich die Bohnen nicht festgelegt.«
Wir können froh sein, dass er sich für ersteres entschieden hat.

Stanišić signierend © Leon Tiemeier

Beitragsbild: Saša Stanišić © Leon Tiemeier


Die Veranstaltung: Saša Stanišić liest aus »Heimat«, Moderation: Felix Stephan, Kaiserbad | Westwerk, 23.3.2019, 20.00 Uhr


Das Buch: Saša Stanišić: Heimat. München 2019, 360 Seiten, 22,00 Euro, E-Book 17,99 Euro


Der Rezensent: Leon Tiemeier

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