Altes erstrahlt in neuem Glanz: Thomas Fritz poliert antike Sagen

Thomas Fritz liest aus seinem Roman »Kinder des Labyrinths« im Antikenmuseum der Universität Leipzig.

Gewichtig dreinschauende Büsten römischer Kaiser und Philosophen rümpfen scheinbar die Nasen. Ist es die ungewohnte Betriebsamkeit, die sie in ihrer würdigen Ruhe stört? Links und rechts flankieren die Köpfe den steril gefliesten Boden des Studiensaals – die einen den Lauschenden zugewandt, die anderen den Blick starr durch die Fensterfront nach draußen gerichtet. Im hinteren Teil des Saals haben Autor Thomas Fritz und Moderatorin Jutta Person vor einem wandeinnehmenden Relief Platz genommen. Zwei Ikea-Galgenlampen rücken die altertümliche Atmosphäre ins Licht des 21. Jahrhunderts.

© Merlin Verlag

Nach Persons einleitenden Fragen zum Stoff beginnt Fritz den ersten Abschnitt der Lesung seines Buches »Kinder des Labyrinths«. Sogleich drückt seine Hörbuchstimme mich tiefer in den Klappstuhl – leicht rauchig, etwas säuselnd und gelegentlich ganz eben mit der Zunge anstoßend zieht sie in gleichmäßigen Zügen durch den Raum. Wie ein antiker Rhapsode bannt der Schriftsteller sein Publikum und entführt es in eine andere Wirklichkeit. Die charakteristische Stimme lässt mit ihrer variierenden Intonation den reizbaren Griesgram Dädalus erstehen, wie er mit dem trotzigen Jungen Talos über dessen neue Erfindungen streitet; die Fliesen werden zum kretischen Strand, die Neonröhren glühen wie die griechische Sonne, die Mauern werden zu denen des berühmten Labyrinths.

In seinem Buch erzählt Thomas Fritz nicht einfach neu, was bereits überliefert ist. Er fragt nicht nach dem »Was«, sondern nach dem »Wie«. Wie und woraus baute Dädalus das Gefängnis für das stierköpfige Ungeheuer? Woher nahm er Inspiration und Material für die Flügel, die ihm und seinem Sohn zur Flucht verhelfen sollten? Diesen Dingen versucht ein geschickt konzipierter Ich-Erzähler auf den Grund zu kommen, der durch Einschübe wie »stelle ich mir vor« darauf hinweist, dass letztlich alles Mutmaßung, Interpretation und Fantasie bleiben muss. Auch unternimmt der Erzähler kleine literaturtheoretische Ausflüge und reflektiert metafiktional das Labyrinthische des eigenen Erzählens.

Als Jutta Person den Autor nach der Erzählinstanz fragt, sagt Fritz, er habe damit einen Bruch mit dem »illusionistischen Erzählen« beabsichtigt. So sähen wir den Puppenspieler ebenso wie die Puppen, die er bewege. Er wolle in seinem Buch nichts an den alten Sagen »verbessern«, sondern Vorschläge machen, wie die Überlieferungslücken zu füllen seien. Er wolle die »profanen, prosaischen Details« hervorheben, die der Auffächerung bedürften. Die Wahl des Protagonisten fiel dabei auf Dädalus, denn dieser »ist für mich der unheroischste, der angeschmuddelste und deshalb auch der modernste Held« der antiken Sagengestalten. Unter anderem habe ihn auch die DDR-Interpretation des Ikaros inspiriert. In der DDR sei dieser Symbolfigur für einen ehrenvoll Gescheiterten gewesen, was Fritz geärgert habe: »Nun ja, wenn Wachs bei diesen Temperaturen schmilzt, dann ist es eben auch ein bisschen blöde« zu nah an die Sonne zu fliegen.

Zum Schluss bestätigt lauter Applaus, dass Werk und Vortragsweise beim Publikum auf große Zustimmung gestoßen sind. Selbst die Büsten scheinen nun etwas gnädiger dreinzublicken.

Beitragsbild: Autor Thomas Fritz (links) im Gespräch mit Moderatorin Jutta Person (rechts). © Kai Clever


Die Veranstaltung: Thomas Fritz liest aus seinem neuen Buch Kinder des Labyrinths, Moderation: Jutta Person, Studiensaal des Antikenmuseums der Universität Leipzig, 18.3.2018, 19 Uhr

Das Buch: Thomas Fritz: Kinder des Labyrinths. Merlin Verlag, Gifkendorf 2018, 368 Seiten, 24,00 Euro


 

 

Der Rezensent: Kai Clever

 


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