Als ausländisches Kind in einer fremden Familie

Die Tragik des Lebens eines kroatischen Jungen mit drei Vätern. Den ersten sucht er sein Leben lang, der zweite hinterlässt tiefe Spuren in seiner Psyche und der dritte schenkt ihm eine liebevolle Familie. Eine Autofiktion von Alem Grabovac, dessen Mutter ihn in Pflege geben musste, um die Familie in Deutschland zu ernähren.

Am 27. Mai 2021 fand ihm Rahmen von Leipzig liest EXTRA um 15 Uhr ein YouTube-Live-stream statt, indem Alem Grabovac sein neues Buch „Das achte Kind“ im Gespräch mit dem taz-Redakteur Martin Reichert vorstellte. Beide sitzen mit ein wenig Abstand in einem kleinen büroähnlichen Raum mit dunklen Vorhängen und kargen Wänden. Im Hintergrund ein vollgestopftes Bücherregal. Geboren ist Alem, wie ihn der Redakteur nennt, da er neben „Die Welt“ und „Die Zeit“ auch für die taz schrieb, 1974 in Würzburg und besitzt somit einen deutschen Pass. Seine Mutter, ist eine Kroatin und sein leiblicher Vater ein Bosnier, den er kaum kennt. Der freie Autor studierte Soziologie, Politologie und Psychologie unter anderem in München, London und Berlin, obwohl ihm schon früh Steine in den Weg gelegt wurden. Heute lebt der Ü40er mit seiner Familie in Berlin. Dabei hat man ihn in seiner eigentlichen Heimat für “schwul“ gehalten, da er sich offen als Vegetarier outete.

© Hanser-Literaturverlage

Nach einer kurzen Begrüßung und Einweisung der etwa 50 Zuschauer rückt die Frage nach Schwierigkeiten bei der Veröffentlichung „mitten im Lockdown“, so Reichert, in den Fokus, welche Alem nutzt, um dem PR-Team zu danken. Danach wird sich dem Inhalt des Buches und damit seinem Leben gewidmet. Er erzählt von seiner Mutter, die aus den armen Verhältnissen in ihrer Heimat ausbrach und eine Arbeit in einer deutschen Fabrik fand. Sein Vater, den er nie bewusst kennengelernt hat, war Trinker, Raucher und bezeichnete seine beruflichen Tätigkeiten selbst als diebisch. Er war ein Taschendieb, kein Bauarbeiter, wie es Alems Mutter nach 40 Jahren und der endgültigen Scheidung gestand. Aufgrund von Schulden musste er quer durch Südeuropa fliehen, immer mit den Gedanken bei seiner Familie, wie es die Post-karten, die Alem Grabovac noch heute besitzt, beweisen. Irgendwann verstummte der Kontakt jedoch, bis ein Brief der jugoslawischen Regierung 1980 seine Mutter erreichte und von der Inhaftierung des Vaters berichtete. Man warf ihm sowohl seine bisherigen Diebstähle, als auch sexuelle Belästigung vor, wofür er drei Jahre bekam. Für Alem war die Beichte seiner Mutter ein Schock, aber zeitgleich wurde sein Vater zu einer Art Sehnsuchtsperson, da er bis dato glaubte, dass er gestorben sei. Ohne die Hilfe ihres Mannes hatte es die alleinerziehende Mutter in Deutschland schwer. Siewusste nicht, wie man Kind und Arbeit unter einen Hut bringen sollte und so gab sie Alem in eine Pflegefamilie, für die sie regelmäßig bezahlte, damit es ihrem Jungen gut ginge, auch wenn der Kontakt zu ihm weniger wurde. Die Pflegemutter, Marianne, hatte bereits sieben eigene Kinder. Damit schließt sich der Kreis zum Titel des Buches. Alem war „das achte Kind“. Nach ihm kamen weitere ausländische Kinder in Pflege. Er bezeichnete die Situation als „ersten multikulturellen Laufstall Deutschlands“. Eine weitere Rolle im Buch spielt der neue Freund von Alems leiblicher Mutter. Ein Trinker und Schläger. Ein Verhältnis, welches oft zu Konflikten und Dramen innerhalb der Familie führte und Alems Vertrauen zu sich und anderen Menschen stark einschränkte. Das kratzte auch das Verhältnis zu seiner Mutter an, die ihn zwar geliebt, aber nicht vor den Misshandlungen geschützt, sondern weggesehen hat. Er entwickelte eine „Angst vor der Angst“, da man immer mit Aussetzern des neuen Freundes rechnen musste, ohne zu wissen, wann er wieder den Gürtel in die Hand nahm. Nachdem die wichtigsten Charaktere seines Lebens vorgestellt waren wurde Kapitel 14 gelesen. Dieses setzt sich mit der kindlichen Sicht auf den neuen Freund auseinander. Der Autor passt seine Mimik den entsprechenden Textstellen an und benutzt seinen Nachbarn, Martin Reichert, um bestimmte Gestiken, wie ein „Schulterklopfen“ zu veranschaulichen.

Anschließend wird Kapitel 13 verlesen, welches sich mit dem Leben in der Pflegefamilie beschäftigt. Daraufhin unterhalten sich Alem und Martin Reichert über die berühmte 70er/80er Wohlfühlkindheit, in der man mit Bademantel als Familie vor dem Fernsehr saß und Sendungen, wie Dalli Dalli verfolgte. Der Autor empfindet selbst einen Nazihintergrund, obwohl er ausländischer Herkunft ist. Jedoch kann er aufgrund dessen eine gewisse Distanz bewahren, im Gegensatz zu seinen anderen sieben Geschwistern. Von einer Schwester wird er wegen des Buches angefeindet. Ihm wird vorgeworfen, den Pflegevater durch den Dreck zu ziehen. Das Buch erzählt nicht nur von Alems Schicksal, sondern von vielen anderen Familien, die den gleichen oder einen ähnlichen Weg gehen mussten. Zudem ist es nicht nur eine Autofiktion, sondern auch die Beantwortung soziologischer Fragen. Und vor allem ist es empfehlenswert.

Beitragsbild: Martin Reichert im Gespräch mit Alem Grabovac. © Darlene Heß


Die Veranstaltung: Lesung und Gespräch mit Alem Grabovac und taz-Moderator Martin Reichert, online via YouTube-Livestream, 27.05.2021, 15:00 Uhr (siehe Youtube)

Das Buch: Alem Grabovac: Das achte Kind. Berlin: Hanserblau 2021. 256 Seiten, 22 Euro, E-Book 16,99 Euro.

 

 

Die Rezensentin: Darlene Heß

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