Alles könnte anders sein – geht das so einfach?

Der Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer spricht mit Moderatorin Ina Nameslo über sein neues Buch: »Alles könnte anders sein«.

Donnerstagmittag. In der Glashalle des Leipziger Messegeländes ist es wegen des sonnigen Wetters schon recht warm. Am Stand von mdr KULTUR haben sich zahlreiche Menschen eingefunden. Es geht um das neue Buch von Harald Welzer: »Alles könnte anders sein: Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen«.
Ich selbst habe dieses etwa 300 Seiten umfassende Buch in den letzten Tagen vor der Buchmesse regelrecht verschlungen. Welzer erwähnt in seinem Buch unter anderem den israelischen Historiker Yuval Noah Harari, dessen Buch »Eine kurze Geschichte der Menschheit« mich von seinem Stil und Tonfall her sehr an »Alles könnte anders sein« erinnert.
Ähnlich wie Harari zeichnet Welzer auf sehr lebendige Weise ein Bild der Menschheit. Er konzentriert sich dabei aber mehr auf die heutige Zeit und beschreibt zu Beginn unsere aktuelle »Hyperkonsumgesellschaft«, unter Berücksichtigung vieler Aspekte, vom Neoliberalismus in all seinen Formen über Flüchtlingen zum Ressourcenverbrauch.
Diese anfängliche Beschreibung ist wichtig, um Zusammenhänge zu erkennen und Einzelheiten einordnen zu können. Ich und viele andere junge Menschen machen sich viele Gedanken über die heutige Zeit und ich hatte schon sehr oft das Bedürfnis, die Gegenwart ordnen zu können, wie man beispielsweise das 20. Jahrhundert sehr gut einteilen kann nach Ästhetik, Jahrzehnten oder politischen Epochen.
Harald Welzer ist sehr konkret: »1989 ist das Jahr, mit dem die Modernisierung aufhörte.« schreibt er auf Seite 31. »Es ist offenbar gerade der Erfolg der kapitalistischen Moderne, der ihre beständige Fortentwicklung und Modernisierung verhindert hat.«
Den aktuellen Zeitgeist haben schon viele Menschen zu erfassen versucht. Besonders beeinflusst war ich in der Vergangenheit von Mark Fisher und seiner Auslegung von »Capitalist Realism« (nicht zu verwechseln mit dem Realismusbegriff von Welzer), oder von Ramona Andra Xavier, die mit ihrem Pseudonym Macintosh Plus die musikalische Grundlage für das Genre »Vaporwave« in der Kunst geschaffen hat. Vaporwave ironisiert das Wesen des späten Kapitalismus und schafft es gleichzeitig, bei seinen Zuhörerinnen und Zuhörern ein Gefühl der Nostalgie nach einer Zeit auszulösen, die sie nie erlebt haben, die aber zweifellos besser war und voll schöner, leerer und uneingelöster Versprechen über die Welt von morgen, also heute, steckte. Prägend für diese und die meisten anderen Statements über die jetzige Zeit ist also eine überwiegende Hoffnungslosigkeit.
Genau deshalb tat es mir sehr gut, Harald Welzers Buch zu lesen, da es mich zum Einen in meinem Gefühl bestätigte, die Gesellschaft würde sich nicht kohärent weiterentwickeln, zum Anderen aber über dieses pessimistische Gefühl hinausging. Ich bin 1997 geboren und habe keine persönlichen Erinnerungen an das 20. Jahrhundert, oder an ein greifbares Gefühl von Fortschritt. Okay, es gibt jedes Jahr neue Smartphones, Computer werden dünner und schneller, aber ab einem gewissen Zeitpunkt hat man nicht mehr das Gefühl, die Änderungen wären irgendwie relevant. Obwohl ich die »Nullerjahre« erlebt oder auch in etwa 9 Monaten die »Zehnerjahre« vollständig durchlebt haben werde, scheint diesen beiden Dekaden bisher etwas zu fehlen, erfolgreiche, realistische und dadurch überzeugende Visionen von einer Zukunft, in der es sich lohnt, zu leben. Genau deshalb ist Harald Welzers neues Buch so erfrischend: Er versucht, eine positive Zukunft zu entwerfen und dabei realistisch zu bleiben.

Cover © S. Fischer Verlag

Mit Hilfe einer Lego-Metapher wird hier dargestellt, dass für eine positive Utopie, eine »Heterotopie«, verschiedene Bausteine notwendig sind. Autonomie, Vielfalt oder soziale Kompetenz sind nur einige der insgesamt 17 Legosteine, die Harald Welzer für seine Zukunftsvision braucht. Alles in allem bringt dieses Buch sehr viele neue Denkanstöße und die Motivation mit, wirklich zu überlegen, wo man »mit anpacken« und die Welt konkret verändern kann. Jetzt sofort, ohne erst das System verändern zu müssen.
Im Gespräch mit der Moderatorin Ina Nameslo bezeichnet sich Harald Welzer als »keinen Euphoriker der Digitalisierung« und räumt ein, kein Smartphone zu besitzen. Seine Position abseits von sozialen Medien sorge dafür, dass er einen entspannteren und unverklärten Blick auf den Diskurs besitze. Allerdings wirkt er keineswegs wie ein verbitterter Sechzigjähriger – tatsächlich erweckt er den Eindruck eines gut informierten, engagierten und ausgeglichenen Menschen. Sein Buch und sein bisheriges Werk zeigen, dass ihm sehr viel am Wohl der Menschen liegt.
Interessant ist im Gespräch seine Position zu den Klimastreiks der Schüler und Schülerinnen unter #FridaysForFuture, denn diesen Aspekt konnte er nicht mehr in seinem Buch unterbringen, da die Demonstrationen erst vor einigen Monaten große globale Aufmerksamkeit bekamen, als das Buch schon fertig war. Er hat die Petition »Scientists For Future« mit unterzeichnet und findet es sehr wichtig, dass die Dynamik dieser Bewegung erhalten bleibt.
Man spürt regelrecht Spaß und Hoffnung beim Lesen der letzten Seiten aus »Alles könnte anders sein«, in denen Harald Welzer sich eine »Ikonographie der Zukünftigkeit« (S. 287) vorstellt. Vieles wird konkret und greifbar, denn Welzer beschreibt verschiedene Initiativen und Aktionen mit Potenzial für eine Gesellschaftsutopie der freien Menschen. Manche davon, wie etwa das »Zentrum für politische Schönheit«, sind mir sogar schon vorher bekannt. Und zwar ausgerechnet durch Twitter.

Beitragsbild: Harald Welzer (links) im Gespräch mit Ina Nameslo  © Richard Aude


Die Veranstaltung: Harald Welzer spricht über sein neues Buch, Moderation: Ina Nameslo, Glashalle des Leipziger Messegelände, Stand 17 (mdr KULTUR). 21.3.2019, 11.30 Uhr


Das Buch: Harald Welzer, Alles könnte anders sein. Frankfurt am Main 2019, 294 Seiten, 22 Euro.


Der Rezensent:

 

 

 

Richard Aude

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.