Yes darling, but is it art?

Wolfgang Ullrich analysiert wie »Siegerkunst« die Rolle des Museums neu definiert.

Ob Max Klinger sich als Siegerkünstler verstand? Wohl kaum. Wahrscheinlich hätte er bei dem Begriff nur müde gelächelt und mit den Schultern gezuckt, insgeheim darum wissend, dass seine Arbeiten sich aufgrund ihrer Qualität durchsetzen würden und in einem Museum genau richtig aufgehoben sind. So wie seine Malerei »Die Kreuzigung Christi«, die mittlerweile im Museum für bildende Kunst in Leipzig hängt und am heutigen Abend als Hintergrundkulisse dient, für eine Diskussion über aktuelle Entwicklungen von Kunst, Museum und Markt.

Wolfgang Ullrich © Annekathrin Kohout
Wolfgang Ullrich © Annekathrin Kohout

Die Thesen dafür liefert der Kulturwissenschaftler und Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich mit seinem Buch »Siegerkunst – Neuer Adel, teure Kunst«, aus dem er immer wieder einzelne Passagen vorträgt. Ullrich, der vor seiner Tätigkeit als freier Autor eine Professur an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe innehatte, entwirft darin den Begriff der »Siegerkunst«, womit er eine bestimmte Strömung der Gegenwartskunst zu fassen versucht: die Kunst von Siegern für Sieger. Für ihn zeichnet sich diese vor allem durch zwei prototypische Vertreter aus. Auf der einen Seite den Business-Künstler, der seine Kunst warhol-like in Fabriken von Angestellten produzieren lässt, um sie anschließend für möglichst spektakuläre Millionenbeträge zu verkaufen. Auf der anderen Seite der millionenschwere Sammler, der sein Geld entweder geerbt oder in der Wirtschaft gemacht hat, und der sich jetzt eine private Kunstsammlung zulegen will.

Beide formen so eine eigene Sphäre, wie Ullrich im Gespräch mit der stellvertretenden Museumsdirektorin Jeannette Stoschek, betont. Dies ist die Sphäre der »Siegerkunst«, welche nicht nur für die einzelnen Kunstwerke Konsequenzen hat. Sie werden zum Beispiel nicht nur formal in ihrer Produktion beeinflusst, sondern auch ihre Rezeption verändert sich. Der Besitz rückt hier zunehmend in den Vordergrund, die unabhängige, von materiellen Aspekten losgelöste Betrachtung hingegen tritt zurück.

Schillmöller_Foto Ullrich Cover_2016-03-17Das Museum als Institution bleibt in der Beziehung zwischen diesen Siegerkünstlern und Siegersammlern außen vor, da es nicht – oder nur zeitweise, in Form eines Katalysators – in der Lage ist, den Marktwert der Ware Kunst zu steigern. Stattdessen beginnen Sammler, wie François Pinault oder in Deutschland Christian Boros, lieber ihre eigenen Ausstellungsräume und Museen zu bauen. Doch auch die Künstler reagieren auf diese Entwicklung: Maler wie Georg Baselitz oder Gerhard Richter, kritisieren die Vorlage des neuen Kulturgutschutzgesetzes und lassen zum Teil ihre Werke aus Museen entfernen, damit sie weiterhin über deren Position am Markt entscheiden können.

In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum wird dann nochmals die Kernfrage des Abends aufgegriffen: Wohin geht es mit dem Museum in Zeiten von Art Flipping, Kunstspekulation und Mega-Sammlern? Verliert es an Relevanz? Wolfgang Ullrich wagt eine Prognose. Er glaubt, dass sich das Museum schon längst im Wandel befindet, hin zu einer neuen, sozialen und gesellschaftlichen Identität.


Die Veranstaltung: Wolfgang Ullrich liest aus Siegerkunst – Neuer Adel, teure Kunst, Moderation: Dr. Jeannette Stoschek, Museum für bildende Kunst Leipzig, 17.3.2016, 19.00 Uhr

Das Buch: Wolfgang Ullrich: Siegerkunst – Neuer Adel, teure Kunst. Wagenbach, Berlin 2016, 160 Seiten, 16,90 Euro


 

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Der Rezensent: Jan Schillmöller

 

 


 

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