Zwischen Systemaposteln und dem wirklichen Leben

Jonas Lüscher liest in der Alten Schlosserei aus seinem neuen Roman »Kraft«.

Splitterfasernackt, frierend und blind vor Nebelschwaden im Schlick stehen – darf sowas in der »besten aller möglichen Welten« (Leibniz) überhaupt passieren? Die Frage, wie man das von Gott angeblich perfekt ausgetüftelte System unserer Welt und derart unkomfortable Situationen unter einen Hut bringt, stellt der ehemalige Philosophiestudent Jonas Lüscher nicht nur dem Protagonisten seines Romans, sondern auch dem Leser.

Der Rhetorikprofessor Richard Kraft ist unglücklich verheiratet und Vater von pubertierenden Zwillingen. Aus Geldnot reist er nach Kalifornien, um dort die Eine-Millionen-Dollar-Preisfrage in Anlehnung an Leibniz Antwort auf das Theodizee-Problem zu lösen: »Weshalb alles, was ist, gut ist und wir es dennoch verbessern können.« In der Vorfreude auf eine Rudertour, muss er, obwohl erprobter Ruderer, die bittere Erfahrung machen, wie es ist, Orientierung, Kleidung, Skiff und schließlich jede Würde gegenüber dem Physiker Herb zu verlieren. Herb, der beim Bootsverleih arbeitet und den Kraft als »kalten Systemapostel« beschreibt, bei dem sich alle Probleme in einer mathematischen Gleichung lösen lassen, widert Kraft geradezu an.

In diesem Ausspielen des Leibnizschen Optimismus gegen den Voltairschen Pessimismus (»Candide«) scheinen sich auch die knapp 40 Zuhörer wiederzufinden, auf deren Gesichtern sich immer wieder ein wissendes Schmunzeln abzeichnet. Das letzte Licht des Tages scheint durch die großen Fenster der Alten Schlosserei und der beschwingte Tonfall des schweizerisch-deutschen Autors sowie Krafts andauerndes Schwanken zwischen Zuversicht und Verzweiflung lassen nicht nur die eigene Welt weniger schwer erscheinen, sondern machen auch neugierig, ob Kraft letztendlich die Systemapostel oder das sonnig-regnerische Leben gewinnen lässt.

Beitragsbild: Coverausschnitt © C.H. Beck


Die Veranstaltung: Jonas Lüscher liest aus Kraft, Moderation: Kornelius Unckell, Alte Schlosserei, 24.3.2017, 18.30 Uhr

Das Buch: Jonas Lüscher: Kraft. C.H. Beck, München 2017, 237 Seiten, 19,95 Euro


 

 

Die Rezensentin: Maria Schendzielorz

 


 

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