Zwischen Pilz und Pelz

Eine Lesung mit Wladimir Kaminer zu seiner neuen Anekdotensammlung »Einige Dinge, die ich über meine Frau weiß«.

»Meine sehr geehrten Damen und Herren! Es ist uns eine Ehre, Herrn Wladimir Kaminer heute hier wieder begrüßen zu dürfen. Zum …«. Die Filialleiterin der Buchhandlung Lehmanns stockt kurz, und schon fällt ihr der Autor ins Wort: »Zum 100. Mal bin ich wohl hier.« Das Publikum muss lachen.

Wladimir Kaminer, der die »Russendisko« berühmt gemacht hat und wie sonst kein Zweiter die deutsch-sowjetischen Beziehungen am Leben erhält, tritt ans Mikro. Er erklärt, dass er heute tatsächlich schon zum neunten Mal in der Buchhandlung zu Gast sei und sich wie jedes Mal freue. Und dies ist in der unteren Etage der Buchhandlung sichtbar: Kein Platz ist frei geblieben. Der Großteil des Publikums besteht aus Frauen, die die 40 schon passiert haben.

Bevor Kaminer anfängt zu lesen, macht er das, was er am besten kann: Er erzählt ein paar Anekdoten. In seinem wunderschönen russischen Dialekt berichtet er von seinen Reisen als Schriftsteller oder als deutsch-sowjetischer Botschafter. So macht er Witze über die aktuelle Lage in Russland und erzählt davon, wie sein Sohn, der gerade das Abitur absolviert hat, anstatt des Lenin-Weges doch lieber den Jakobsweg gehen wollte. »Jede Generation braucht ihre eigenen Wege, und das ist auch gut so.« Außerdem, so informiert Kaminer das Publikum, habe er bereits zwei neue Bücher in der Hinterhand. Er wisse jedoch nicht, ob sein Verlag sie auch herausgebe: eines über Kreuzfahrten und eines über Flüchtlinge. Doch das »will ja keiner lesen«.

Wladimir Kaminer in der Buchhandlung Lehmanns. © Isabel Meißner
Wladimir Kaminer in der Buchhandlung Lehmanns. © Isabel Meißner

Nach einer guten halben Stunde bester Unterhaltung durch seine lebensnahen Anekdoten beginnt er vorzulesen. Es geht um seine Frau, oder wie er vorher erklärt, nicht um seine eigene, sondern um das »geheime Wesen der Frau«, das einfach sehr große Ähnlichkeit mit seiner Olga habe. Die erste Geschichte handelt von Dingen, die Olga liebt. Und nun wird klar, warum so viele weibliche Zuhörerinnen zur Lesung gekommen sind: Man beziehungsweise Frau ertappt sich wohl in der einen oder anderen Geschichte. Es geht zum Beispiel um ganz besondere Servietten, die im Urlaub in Portugal gekauft wurden und die dann jedes Jahr wieder zu schade für die Gäste sind und deshalb lieber im Schrank aufbewahrt werden, als sie zu benutzen.

Die nächste Episode handelt von Olgas grünem Daumen und warum sie eigentlich eine Auszeichnung für die Aufwertung der Vegetation Brandenburgs erhalten müsste. Die kleinen Beobachtungen sind überaus unterhaltsam und werden durch Kaminers Art, sie vorzulesen und hier und da Zusatzinformationen einzustreuen, noch lebendiger. Man hört ihm gerne zu und kann sich regelrecht vorstellen, wie seine Frau im Park von Schloss Bellevue versucht, eine Dahlie zu entwenden, um diese im eigenen Garten in Brandenburg einzupflanzen. Was Kaminer authentisch und sympathisch erscheinen lässt, ist seine leicht unsortierte Vorbereitung beziehungsweise sein sehr spontanes Auftreten. Er überlegt laut, welche Geschichte er als nächste lesen soll, und handelt mit dem Publikum interaktiv die Abfolge aus.

Nach einigen weiteren Olga-Episoden liest Kaminer am Ende überraschend sogar eine Geschichte aus dem noch unveröffentlichten Buch über Kreuzfahrten. Und so erfahren die Zuhörer schlussendlich, warum Russen immer wieder mit Pilz und Pelz in Verbindung gebracht werden. Der Autor erklärt, dass in Brandenburg die besten Pilze mithilfe seiner Mutter zu finden seien und man als Russe im Urlaub ständig Pelze angeboten bekomme, obwohl man in Berlin keine brauche.

Der Geschichtenerzähler Kaminer schafft es, die Zuhörer über zwei Stunden bestens zu unterhalten: Er füllt Klischees mit Leben, steift sogar die Flüchtlingsdebatte und scheut sich nicht, Freunde und Bekannte namentlich einzubringen. Die Leserschaft kann sich auf mindestens zwei neue Bücher freuen und fast sicher ist, dass auch die 101. Lesung in Leipzig wieder vollbesetzt sein wird.

Beitragsbild (Ausschnitt) © Wunderraum


Die Veranstaltung: Wladimir Kaminer liest aus Einige Dinge, die ich über meine Frau weiß, Buchhandlung Lehmanns Leipzig, 26.10.2017, 20.15 Uhr

Das Buch: Wladimir Kaminer: Einige Dinge, die ich über meine Frau weiß. Wunderraum Verlag, München 2017, 188 Seiten, 20,00 Euro


Die Rezensentin: Isabel Meißner


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