Zwischen Fahrradspeichen und Zuversicht

Lea Streisand stellt ihren neuen Roman vor und erklärt, was Fahrradfahren mit Hoffnung zu tun hat.

»Das ist aber kein Fahrrad-Buch«, lautet der erste Satz von Lea Streisand, als sie den Raum betritt. Ein Fahrrad-Buch ist »Im Sommer wieder Fahrrad« trotz des Titels in der Tat nicht. Eher ein Buch, das tröstet, Mut macht und genauso verworren ist wie das Leben selbst. Trotzdem liest Streisand heute in der Fahrradmanufaktur Rotor Bikes, die sich versteckt in der allerletzten Ecke eines alten Industriekomplexes in Plagwitz befindet. Doch der Ort passt – zum Buch, zur Autorin, die man von Berliner Lesebühnen kennen kann, und zum Publikum. Jeder fühlt sich sichtlich wohl, weil die ganze Lesung irgendwie etwas von einer Garagen-Party mit Freunden hat. Man sitzt auf Holzbänken, es gibt Bier und die Autorin erzählt mit sympathischer Berliner Schnauze einen Schwank aus ihrer Jugend. Obwohl »Schwank« wohl der falsche Ausdruck ist. Streisand, Jahrgang 1979, berichtet von 2011, dem Jahr, von dem sie dachte, es würde ihr letztes sein. Mit Herz, Humor und einer Prise Melancholie erzählt sie von ihrer Krebs-Erkrankung, ihrer liebenswerten Großmutter und der Erkenntnis, dass man nur mutig sein kann, wenn man gerade eine Scheißangst hat.

Lea Streisand macht Mut, ohne es zu merken. © Annalena Beier
Lea Streisand macht Mut, ohne es zu merken. © Annalena Beier

Im Roman muss sich die Protagonistin ihrer Krankheit stellen, während das Mütterchen, wie die Großmutter genannt wird, zwei Weltkriege zu überleben hatte. Das Buch ist ein Diskurs über Angst, denn Krebs und Krieg lösen ungefähr die gleichen Schreckensbilder in der Vorstellung eines Menschen aus. Man denkt an ausgemergelte, halb verhungerte Körper, kahle Köpfe und leere Augen. Die Autorin beantwortet die Fragen ihres Publikums nach der Lesung sehr ausführlich. Man merkt, dass es ihr Spaß macht, mit Lesern in Kontakt zu treten und auch deren Geschichten zu hören, die sie mit dem Buch verbinden.

© Ullstein
© Ullstein

Zum Abschluss stellt Streisand noch ihren zeitgleich erschienen Erzählband »War schön jewesen« vor und liest auch daraus noch eine kleine Geschichte – natürlich passend zum Thema Fahrrad, das sich wie ein roter Faden durch die ganze Veranstaltung zieht, auch wenn dies ebenfalls kein Fahrrad-Buch ist, wie sie abermals schmunzelnd einwirft. Und trotzdem wird das Fahrradfahren an diesem Abend zu einem Synonym für Hoffnung und Zuversicht. Die Protagonistin erfährt im Januar von ihrer Erkrankung und legt fortan all ihre Energie in das Versprechen des Arztes, im Sommer wieder Fahrrad fahren zu können. Und umgeben von den vielen Fahrrädern in dieser Werkstatt, die jetzt wie eine Aussicht auf eine Zukunft wirken, kommt dem Publikum dieser graue, kalte Märzabend nicht mehr ganz so grau und kalt vor.

Beitragsbild: Lea Streisand und die Fahrräder. © Annalena Beier


Die Veranstaltung: Lea Streisand liest aus Im Sommer wieder Fahrrad, Rotor Bikes, 23.3.2017, 19.30 Uhr

Die Bücher:

  • Lea Streisand: Im Sommer wieder Fahrrad. Ullstein, Berlin 2016, 272 Seiten, 20 Euro
  • Lea Streisand: War schön jewesen. Geschichten aus der großen Stadt. Ullstein, Berlin 2016, 304 Seiten, 10 Euro

 

 

Die Rezensentin: Annalena Beier

 


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.