Zwischen chinesischen Sofas, Überwachungskameras und außergewöhnlichen Menschen

Stephan Orth liest aus seinem neuen Buch »Couchsurfing in China« im Reisebedarfsgeschäft Tapir

Rot leuchtet der Tapir, Logo des gleichnamigen Geschäfts für Outdoor- und Trekkingbedarf, dem Leipziger Opernhaus entgegen durch die Dämmerung. Im Laden wurde Platz geschaffen für Stephan Orth und sein Publikum: Ein buntes Durcheinander aus Klapp- und Campingstühlen, bunten Metallhockern und Holzkisten steht bereit. Zwanzig Minuten vor Beginn der Lesung ist nur mühsam noch eine freie Sitzgelegenheit zu finden. »Couchsurfing in China« heißt Orths neues Buch, mit dem er sein Erfolgsrezept der vorangegangenen Bücher über den Iran und Russland fortschreibt: Orth sucht die Schlafgelegenheiten auf der Reise über die Internetplattform Couchsurfing.org aus, wo Menschen ihre Couch (oft auch ein richtiges Bett) kostenlos zur Verfügung stellen – und damit auch einen privaten Einblick in ihren Alltag ermöglichen.

© Leonie Gebhardt

Zu Beginn der Lesung kreist eine Geschichte um ein weit verbreitetes China-Stereotyp: Hunde als Nahrungsquelle. Kaum verlässt Orth die Millionenstadt Shenzen um aufs Land zu fahren, muss er feststellen, dass die Eltern seines Gastgebers für den Besuch den eigenen Hund geschlachtet haben und ihn als Abendessen servieren. Die Gedanken und Gefühle des Autors zwischen Mitleid dem Tier gegenüber und der Situation angemessenen Höflichkeit kann das Publikum gut nachvollziehen, wie nervöses Kichern und gepresste Lacher verraten. Die nachgelieferte Erklärung, dass nicht alle Chinesen Hund essen, sondern dies fast ausschließlich in den südlichen Regionen verbreitet ist, geht leider nach der langen Schilderung des Essens etwas unter. Wie viele Zuhörer sehen ihre Vorurteile durch die Textstelle jetzt wohl bestätigt?
Weitere Episoden der Reise bekräftigen auf den ersten Blick den bereits vorhandenen Eindruck über China: Einerseits steht China ganz im Zeichen der Modernisierung, andererseits versuchen einzelne Projekte, alte Traditionen zu erhalten. Auf den zweiten Blick zeigt Orth auch, dass es ihm um mehr als das geht: Liebevoll beschreibt er die bereisten Orte und seine Bekanntschaften, ihre Haustiere, Fortbewegungsmittel, Wohn-, Schlaf-, Esszimmer, persönliche Eigenarten. Die Lesung wird besonders lebendig durch die Fotografien, kurzen Videoclips und Tonaufnahmen, die Orth immer passend zu seinen Erzählungen an die Wand wirft.
Die anderthalb Stunden gehen schnell vorbei, das Publikum ist aufmerksam und gut gelaunt. Am Ende stellen die Zuhörer noch Fragen: Welches Visum Orth denn gehabt hätte? Tatsächlich war es kein Journalistenvisum, gibt Orth zu – die Regulierungen, die ausländische Journalisten in China einhalten müssen, hätten seinem Projekt widersprochen. Das hat Konsequenzen: Durch die Veröffentlichung des Buchs rechnet Orth nicht damit, in nächster Zeit nochmals nach China einreisen zu dürfen. Sein nächstes Projekt ist aber nicht mehr weit: In den nächsten Monaten werde er sich überlegen, welchem Land er sich als nächstes widmen werde.

Beitragsbild: © Leonie Gebhardt


Die Veranstaltung: Stephan Ort liest aus Couchsurfing in China. Tapir Store, 23.03.2019, 19.00 Uhr


Das Buch: Stephan Orth: Couchsurfing in China. München 2019, 256 Seiten, 16 Euro, E-Book 14,99 Euro


Die Rezensentin: Leonie Gebhardt

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