Zwischen allen Fronten

Lesung aus Aka Morchiladzes Erfolgsroman »Reise nach Karabach« auf der Leipziger Buchmesse.

Aka Morchiladze, der eigentlich Giorgi Akhvlediani heißt, ist einer der meistgelesenen Gegenwartsautoren in Georgien. Die Originalausgabe seines ersten Romans »Reise nach Karabach« erschien 1992 in einer vom Zusammenbruch der Sowjetunion gekennzeichneten Zeit. Beinahe jeder Georgier kennt die Erzählung, zumindest die ebenfalls sehr erfolgreiche Verfilmung. Die deutsche Ausgabe erschien im Februar dieses Jahres im Weidle Verlag.

Aka Morchiladze © Weidle Verlag

Die Lesung auf der Leipziger Buchmesse ist gut besucht, das vorwiegend weibliche Publikum lauscht gespannt. Neben dem Autor sitzt sein Verleger Stefan Weidle. Er liest aus der deutschen Ausgabe und führt zwischendurch das Gespräch auf Englisch. Auf die Frage, ob er stolz auf seinen Roman sei, antwortet Morchiladze: »Man kann auf ein Buch nicht stolz sein, weil das Buch zum Leben gehört, das Leben ist. Auf eine Medaille könnte man stolz sein.« Er liest blitzschnell eine Passage auf Georgisch, wohl um dem deutschen Part mehr von der ohnehin knappen Zeit einzuräumen. Schade, so kommt der Klang der georgischen Sprache, der die Lesung authentischer gemacht hätte, leider nicht zur Geltung.

Aka Morchiladzes Roman steht für eine Generation, die zwischen allen Fronten lebt: politisch und in den familiären Traditionen gefangen. Junge Leute, die das Alte nicht mehr wollen und das Neue noch nicht kennen. Morchiladze sagt: »Der Roman hat den Anspruch, ein subversiver zu sein.« Es ist die Erzählung von einem jungen Mann, der versucht, sich im postsowjetischen Durcheinander selbst zu finden. Wer den Jugendroman »Tschick« kennt, fühlt sich beim Lesen zuweilen daran erinnert. »Tschick« für Erwachsene.

Cover © Weidle Verlag

Gio und sein Kumpel Gogliko machen sich von Tiflis auf den Weg nach Aserbaidschan, um Drogen zu besorgen. Gio hat eigentlich keine Lust: »Vor allem im Winter, erst über die aserbaidschanische Grenze, dann wieder zurück. […] Es gab nicht mal Benzin.« Doch Gogliko lässt nicht locker: »Lass uns fahren, lass uns doch fahren! […] Lass uns fahren, das Zeug mitbringen, und bis zum Herbst werden wir stoned sein. Gratis.« Weil Gio einer der wenigen ist, der ein Auto hat und wohl auch, um dem trüben Alltag in Tiflis und seinem Liebeskummer zu entfliehen, lässt er sich überreden und sie machen sich im roten Lada auf den Weg. Eine abenteuerliche und gefährliche Reise beginnt.

Gio und Gogliko geraten in die Region Bergkarabach. Ein Gebiet, das sowohl Aserbaidschaner, als auch Armenier für sich beanspruchen und das bis heute immer wieder von ethischen, kulturellen und politischen Konflikten erschüttert wird. Aus dem Roadtrip wird ein gefährliches Abenteuer im Bergkarabach-Krieg. Die zwei Freunde werden zwischen den beiden Kriegsparteien hin- und hergereicht, doch schließlich gelingt es ihnen, sich aus der misslichen Lage zu befreien und sie kehren zurück nach Tiflis.

Wieder im trüben Alltag, im Sich-Treiben-Lassen, in der Passivität, fällt Gio in eine Depression. »Ich wäre so gern wieder wie dort in Karabach, irgendwie normal.« Gio leidet unentwegt an Liebeskummer. Die Liebesgeschichte zwischen Gio und der Prostituierten Jana ist tragisch und berührt tief, wie der ganze Roman. »Ich konnte sie nicht vergessen. Immer wieder erinnerte ich mich an ihre Gesichtszüge, Finger, nassen Augenlider. Ihr Bild war zwar nicht ständig um mich, aber ich kriegte sie nicht aus dem Kopf. Suchen wollte ich sie nicht […]. Jana, Jana… Was ist von uns geblieben? Wahrscheinlich nichts.«

Beitragsbild: Aka Morchiladze (rechts) und Stefan Weidle (links) lesen aus »Reise nach Karabach«. © Irene Herrmann


Die Veranstaltung: Der bekannte georgische Autor Aka Morchiladze stellt seinen Roman Reise nach Karabach vor, Moderation: Stefan Weidle, Messe Forum Literatur Halle 5, 18.3.2018, 11.30 Uhr

Das Buch: Aka Morchiladze: Reise nach Karabach. Weidle, Bonn 2018, 180 Seiten, 20,00 Euro, E-Book 13,99 Euro


 

 

Die Rezensentin: Irene Herrmann 

 


 

 

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