Zurückgezogenheit – für das Publikum zum Greifen nah

Melanie Raabe bringt dem Publikum der Langen Leipziger Lesenacht ihre Buchfigur Linda Conrads nah

Von Anna Löwe

Melanie Raabe_BildSich von Zeit zu Zeit zurückziehen. Ruhe gönnen von dem gehetzten Alltag. Ungestört mit sich selbst beschäftigen. Sich endlich ein paar Stunden zum Lesen nehmen. Das ist es, wovon viele Menschen träumen. Doch was, wenn dich ein Albtraum zur vollkommenen Isolation zwingt?

Linda Conrads ist als erfolgreiche Autorin vielen bekannt. Doch sie selbst hat abseits ihres Verlegers und ihren wenigen Angestellten lange keinen Menschen mehr erblickt. Seit elf Jahren bewegt sie sich lediglich innerhalb ihres Hauses. Die Außenwelt vermutet eine geheimnisvolle Krankheit, doch Linda Conrads Krankheit hat ein Gesicht: das des Mörders ihrer Schwester Anna, der trotz Lindas Zeugenaussage nie gefasst wurde.

Eine Nachrichtensendung lässt den mühsam aufgebauten Panzer der Autorin zerspringen. Nach Jahren der Verdrängung blickt sie wieder in die Augen des Monsters, diesmal nicht im Zimmer ihrer blutüberströmten Schwester, sondern auf dem Fernsehbildschirm. Ein Sturm aus Verzweiflung, Hass und Angst reißt mühsam aufgebaute Mauern ein. Linda trifft eine Entscheidung.

Melanie Raabe öffnet die Türen zur verschlossenen, einsamen Welt ihrer Buchfigur. Als wäre es ein Spaziergang, schlängelt sie sich durch die komplizierten Verzweigungen von Lindas in Scherben liegender Persönlichkeit. Wie leicht sie Zugang zu ihrer Hauptfigur findet, zeigt sich auch an Raabes Vortragsweise während der Lesung.

Nach einer kurzen Einleitung zu ihrer Person durch die Moderatorin startet die Journalistin, Drehbuchautorin, Bloggerin und Performerin sofort in ihre Geschichte. Die Zeit ist knapp, nach ihr sollen noch zwei weitere Autoren lesen. Melanie Raabe begeisterte sich bereits als Jugendliche in einer Schauspielgruppe besonders für die Textarbeit. Mit ihrer Stimme tastet sie sich behutsam an die Hauptfigur heran. Auch als sich kurz die Türen des Veranstaltungsraums öffnen, ein Handyklingeln ertönt, lässt sie sich nicht aus der Ruhe bringen und kostet die spannungsvolle Wirkung der bewusst eingebauten Pausen aus. Die Stimmung ist düster, jedoch ohne zu erdrücken.

 Die Falle Melanie Raabe

Das ist einer gewissen Leichtigkeit im Tonfall der Autorin zuzuschreiben. Die Kostbarkeit des Augenblicks, jedes einzelnen Sonnenstrahls, jedes Lachens, wird durch die extreme Situation Lindas herausgestrichen. Die Schönheit der Dinge wird nicht vergessen. Die sich selbst fremde Linda erscheint seltsam vertraut und nah. Im Widerspruch zu den sanften Beschreibungen stehen die knallharten Äußerungen. Raabe scheut sich nicht davor, intensive Einblicke in das von der Buchfigur durchlebte Grauen zu geben. „Ich bin der Geruch von rohem Fleisch. Ich klaffe weit auf.“ Nicht nur die Kontraste im Stil, besonders das Spiel mit Realität und Einbildung machen die Lebendigkeit des Buches aus. Der Zuhörer springt gemeinsam mit Linda zwischen Wirklichkeit und Trugbild, weiß nicht, welcher Szenerie er Vertrauen schenken kann.

Die Sympathie für Linda Conrads ist Melanie Raabe anzumerken. „Ich habe großen Respekt vor ihr.“ Es ergäbe sich automatisch, dass sie mit ihrer Figur empfände. Die zwei Frauen sind sich Begleiterinnen. Eine Parallele ist nicht nur ihr Beruf, auch die überwundene Spinnenphobie, die Begeisterung für tropische Blumen und das Vertrauen auf die innere Stimme verbindet die beiden.

Auch wenn Melanie Raabe bewusst eine fiktive, ihr fremde Geschichte gewählt hat, ist sie Linda Conrads sehr nah. Ein Vergleich von Schriftstellerin und Buchfigur ließe sich gar nicht vermeiden, besonders wenn Raabe durch Medien und soziale Netzwerke präsenter denn je für den Leser sei. Interessant, wie sich eine solche Haltung auf die Glaubwürdigkeit und die Spannung der Geschichte auswirkt. Dem Publikum fällt es schwer, sich von der Erzählung zu verabschieden. Zu kurz war der Einblick in den Roman.


Zum Buch: Melanie Raabe; Die Falle; btb Verlag; 19,99 €

Zur Veranstaltung: Die Falle; Melanie Raabe, Lange Leipziger Lesenacht, Moritzbastei, Ratstonne; 12. März 2015; 19 Uhr

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