Zurück geht man nie

Über das Suchen im Leben, über das Leben im Suchen.

Die Lesung ist hervorragend, die Autorin zu einem nachträglichen Interview bereit, aber ich habe keine Fragen. Ich lasse alle anderen vor, hoffe, dass mir noch etwas einfällt – nichts. Ich hoffe, dass sich im Gespräch etwas auftut – nee, auch nicht. Ich frage die Autorin schließlich, ob sie offen für eine Fortsetzung zu einem späteren Zeitpunkt ist. Sie antwortet nicht, gibt mir ihre Visitenkarte. Ich empfinde das als ein Nein und verlasse den Schauplatz verwirrt und betreten. Was soll ich nun berichten?

Ich möchte der Autorin natürlich nicht unterstellen, dass sie es tatsächlich so gemeint hat. Ich weiß um meine eigenen inneren Konflikte. Aber verleumde ich nicht meine Intuition, wenn ich dieses Empfinden einfach beiseiteschiebe? Enthalte ich Ihnen, liebe Leser, nicht etwas Wichtiges vor, wenn ich nur schreibe: Alles war toll? Denn genau dieser Arbeit des Abwägens, diesem Schwanken bzw. dem Damitumgehen widmet sich das Buch »Wirksam werden im Kontakt – Die systemische Haltung im Coaching« von Mechtild Erpenbeck.

Mechtild Erpenbeck. © Jurga Graf Photography
Mechtild Erpenbeck. © Jurga Graf Photography

Diese Haltung, so die These von Frau Erpenbeck, entscheidet über Erfolg oder Misserfolg eines Beratungsgesprächs oder einer Intervention. Aber Haltung ist nicht einfach durch das Absolvieren einer Ausbildung zum systemischen Coach zu erlangen und mit der Abschlussprüfung gegeben. »Man erarbeitet sie sich, man nimmt sie an, man formt sie, in ihr bilden sich Lebenserfahrung und persönliche Wertebindung ab.« So entwickelt sich Haltung nicht zuletzt aus dem Fragen, aus der Suche nach Antworten, aus den Fehlern, dem Straucheln, dem Scheitern, aber auch aus der Freude über aufgehende Türen. Aus der Arbeit mit sich selbst, mit anderen. aus eben jenen Begegnungen, in denen es knirscht. Aus dem Mut, »in einen Spiegel zu schauen, von dem man – wie im Märchen – vorher nicht weiß, was er zeigt«.

Mechthild Erpenbeck scheint zu wissen, wovon sie spricht. Sie hat nicht nur diverse Coaching Erfahrungen, sondern verkörpert authentisch Haltung in ihrer Person. Wenn sie liest, entfaltet ihre Intonierung die geschilderte Situation. Wenn sie aufblickt, strahlt sie das Publikum an. Ihre Mimik ist offen, gewährt Einblick in ihr Inneres. Sie muss Fehler oder Unbehagen nicht verstecken, geht gelassen und humorvoll durch die Welt. Sie scheint ein Mensch zu sein, der Lebenserfahrung nicht nur gemacht, sondern sie sich auch anverwandelt hat. Ihr Buch ist dementsprechend auch kein Heilsversprechen, keine Lösung für alle Lebensfragen. Vielmehr ist es eine Einladung an die Leser, mal eine andere Brille zu probieren, sich aus dem großen Schatz von Erpenbeck etwas mitzunehmen und damit nicht nur systemischen Beratern wärmstens anzuempfehlen.

Ein gelungenes Interview können Sie im Übrigen hier nachlesen.

Mechtild Erpenbeck (links) liest auf der Leipziger Buchmesse 2017, vorgestellt von Margarethe Seul-McGee vom Carl-Auer Verlag (rechts). © Katja Suske


Die Veranstaltung: Mechtild Erpenbeck liest aus Wirksam werden im Kontakt – Die systemische Haltung im Coaching, vorgestellt von Margarethe Seul-McGee, Forum Sach- und Fachbuch, Halle 3, Stand H 300, 23.3.2017, 12 Uhr

Das Buch: Mechtild Erpenbeck: Wirksam werden im Kontakt – Die systemische Haltung im Coaching. Carl-Auer Verlag, Heidelberg 2017, 130 Seiten, 17,95 Euro


Die Rezensentin: Katja Suske


 

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