Zu Gast: Der kleine literarische Jahresrückblick 2017

Es gehört zu den schönsten Traditionen am Jahresende, einen Blick zurückzuwerfen und in den besonderen Erinnerungen an das vergangene Jahr zu schwelgen. Aber wie wäre es zur Abwechslung mal mit einem literarischen Jahresrückblick? Den beschert uns heute Buchbloggerin Sophie von Literaturen. In einer kleinen, aber umso feineren Auswahl stellt sie einige der Bücher vor, die sie 2017 besonders gern gelesen hat.

 

©Jung & Jung

Elias Hirschl: »Hundert schwarze Nähmaschinen«
Ein Zivildienstleistender kommt in eine betreute Wohngruppe für Schizophrene. Er versucht, die Krankheit, die ihre ganz eigene Logik entfaltet, mit klassischer Logik zu begreifen, schreibt mögliche Lebensläufe der Patienten nieder und dokumentiert irrwitzige Dialoge zwischen den Pflegern wie auch den Patienten. Hirschl schreibt so lässig und abgedreht, so unheimlich klug und witzig, dass es eine Freude ist, ihm bei jeder Abzweigung ins Absurde und Diskussionstheorische Gesellschaft zu leisten. Man muss das nachts lesen und laut in die Stille lachen, um die Schatten zu vertreiben.

 

© Kein & Aber

Andrea Gerk: »Lob der schlechten Laune«
Wer sich mal kulturgeschichtlich und kurzweilig mit den positiven und produktiven Effekten der schlechten Laune beschäftigen möchte, liegt mit Andrea Gerk goldrichtig. Was ist schlechte Laune überhaupt? Und warum ist ein Optimismusdiktat nicht förderlich für das seelische Wohlbefinden? Diese und viele andere Fragen stellt Andrea Gerk in ihrem wirklich launigen Streifzug durch die Niederungen des Grantelns und Moserns. Love it!

 

 

© S. Fischer

Pankaj Mishra: »Zeitalter des Zorns«
Nicht wenige Bücher versuchen sich dieser Tage an einer Zeitdiagnose. Warum ist alles, wie es ist? Weshalb so viel Wut und Zorn? Wo liegen die Ursprünge? Pankaj Mishra geht diese Fragen geistesgeschichtlich an, verortet einen Bruch schon in der Französischen Revolution, in der Aufklärung und ihrem Vernunftdiktat, exemplarisch dargestellt an der Rivalität zwischen Voltaire und Rousseau. Damit ist das Buch aber mitnichten anti-aufklärerisch, es stellt bloß universalistische Glaubenssätze vor dem Hintergrund von Terrorismus, Globalisierung und Extremismus in Frage. Ein hochinteressantes, unheimlich beredtes Buch, das neue Gedanken anstößt!

 

© Ullstein

Marc-Uwe Kling: »QualityLand«
Wer Klings »Känguru-Chroniken« mochte, der wird auch der Zukunftsvision von »QualityLand« etwas abgewinnen können. Ein Land in nicht allzu ferner Zukunft, das vor allem von Algorithmen gelenkt wird. Jeder wird nach seiner Nützlichkeit bewertet, Onlinekommentare zu schreiben ist ein einträglicher Beruf, ein Roboter kandidiert für ein politisches Amt. Alles ist perfekt getaktet und aufeinander abgestimmt, man muss im Onlineshop nichts mehr bestellen, weil der ohnehin bereits weiß, was man sich wünscht. Bis dem Protagonisten Peter Arbeitsloser eines Tages ein pinkfarbenen Delfin-Vibrator geliefert wird, den er wirklich nicht haben will. Der kleine Fehler im System stellt das System infrage.

 

©Septime

Jan Kjaerstad: »Das Norman-Areal«
Ein gefeierter Verleger kann plötzlich keine Manuskripte mehr lesen, ohne sich zu übergeben. Er zieht sich auf eine einsame Insel zurück, rekapituliert sein besinnungsloses Lesen und hinterfragt den Stellenwert der Literatur in seinem Leben, verliebt sich und scheitert an der Wirklichkeit, die ihm im Gegensatz zur Literatur schal erscheint. Dieser Roman entfaltet einen unfassbaren Sog, eine mitreißende Strömung, der man sich schwer entziehen kann. Er wirft Fragen auf zu Literatur und Leben und ihrem Verhältnis zueinander. Er ist glänzend erzählt. Ein Genuss.

 

© Kommode

Lena Grossmüller: »Reiseführer des Zufalls«
Wer einfach mal ohne Erwartungen und Pläne durch die eigene oder eine fremde Stadt flanieren möchte, findet in diesem ganz in blau-weiß gestalteten Büchlein ein adäquates Geleit. Es schlägt Möglichkeiten vor, dem Zufall zu begegnen, ganz unvoreingenommen. Es ist total gegen YOLO und Druck und Zwang. Ein Reiseführer ohne Führungsanspruch, sehr charmant und voller guter Ideen!

 

 

Das waren ein paar Highlights aus dem Lesejahr von Buchbloggerin Sophie. Ihr wollt noch mehr literarische Inspiration aus ihrer Feder? Kein Problem! Auf ihrem Blog literatourismus.net findet ihr Sophies restliche Highlights und viele weitere Gelegenheiten, um euch in ihrer Sprache zu verlieren.

Beitragsbild: stocksnap.io


Die Bücher:

  • Elias Hirschl: Hundert schwarze Nähmaschinen. Jung & Jung, Salzburg 2017, 332 Seiten, 24 Euro, E-Book 18,99
  • Andrea Gerk: Lob der schlechten Laune. Kein & Aber, Zürich 2017, 304 Seiten, 24 Euro, E-Book 19,99 Euro
  • Pankaj Mishra: Zeitalter des Zorns – Eine Geschichte der Gegenwart. S. Fischer, Frankfurt am Main 2017, 416 Seiten, 24 Euro, E-Book 19,99 Euro
  • Marc-Uwe Kling: QualityLand. Ullstein, Berlin 2017, 384 Seiten, 18 Euro, E-Book 14,99 Euro
  • Jan Kjaerstad: Das Norman-Areal. Septime, Wien 2017, 456 Seiten, 24 Euro, E-Book 17,99 Euro
  • Lena Grossmüller: Reiseführer des Zufalls. Kommode, Zürich 2015, 156 Seiten, 23 Euro

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