Zeitgenössische Mode

Die vielfach ausgezeichnete Lyrikerin Nora Gomringer liest aus ihrem Gedichtband »Moden«, mit dem sie nach »Monster Poems« und »Morbum« ihre »Trilogie der Oberflächen und Unsichtbarkeiten« abschließt.

Mit wild gemustertem Rock und leuchtend rotem Lippenstift betritt Nora Gomringer die Bühne der »Unabhängigen« auf der Leipziger Buchmesse. Ihren golden schimmernden Turnbeutel und die türkisene Handtasche stellt sie schwungvoll neben das Lesepult, setzt sich, tippt noch kurz etwas in ihr Smartphone, dessen knallbunt gestreifte Hülle perfekt zu ihrer Gesamterscheinung passt, und fertig. Es kann losgehen. Moderation wird hier nicht benötigt, die Dichterin greift selbst zum Mikrofon und kündigt sich und ihr Werk »Moden« an.

Nora Gomringer. © Judith Kinitz
Nora Gomringer. © Judith Kinitz

Das Buch hat heute Premiere – »wie aufregend!« – und Gomringer hat vorher noch nie daraus gelesen. Es handelt sich um einen Gedichtband, der durch die genaue Thematisierung von einzelnen Dingen auf große gesellschaftliche Fragen, die Moden unserer Zeit, Bezug nimmt. Geschmückt wird das Ganze von bunten, nie auf den ersten Blick zu erfassenden Illustrationen ihres »Nachbarn aus Bamberg«, Reimar Limmer.

Gomringer holt tief Luft, blickt intensiv ins Publikum und beginnt »Semana Santa« hauchend zu lesen. Es geht um Mädchen, die in die Türkei verschwinden und mit Kopftuch wiederkommen. Darauf folgt ein Text mit dem Titel »Clutch«, der von der gleichnamigen Handtaschenform erzählt. So abwechslungsreich geht es auch weiter und die für Gomringer typischen kulturellen Bezugnahmen bleiben nicht aus: Die Texte bewegen sich von Elfriede Gerstl zu Mary Poppins zu einem Gedicht über Ed Gein, der das reale Vorbild für den berühmt-berüchtigten Hauptcharakter Norman Bates aus Hitchcocks »American Psycho« war. Zum Lachen bringt Gomringer das Publikum, als sie – apropos Mode und »muss ja sein« – Schiller zitiert: »Deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt …«

Aber nicht nur ihre Texte, auch Gomringers Rhetorikkünste, die die Bedeutung der einzelnen Wörter fast nebensächlich erscheinen lassen, sind beeindruckend. Mit bewegter Stimme – mal flüsternd und dann wieder fast schreiend – und dem Wechsel von Textpassagen und nachdrücklich gesetzten Pausen strahlt sie eine Intensität aus, die das Publikum völlig in ihren Bann zieht. Bei Literatur- und vor allem Lyriklesungen, die den Besuchern oftmals nur zur Bestätigung des ach so kulturbegeisterten Egos dienen, ist das nicht selbstverständlich und ein umso schöneres Erlebnis.

Nach der ausschweifenden Ankündigung des Gedichts »Lotus« hält Gomringer kurz inne, schüttelt den Kopf und meint: »Ach, was das alles können soll dieses Gedicht, hoffentlich hält es auch was.« Hat es das? Zweifellos. War es doch Teil dieser wundervollen Lesung einer Autorin, deren menschliche Begabung der literarischen in keiner Weise nachsteht. Nora Gomringer bringt einen Raum zum Leuchten. Sie und ihre knallbunte Handyhülle.

Beitragsbild: Lyrikerin Nora Gomringer während der Lesung. © Agnes von Laffert


Die Veranstaltung: Nora Gomringer liest aus Moden, Messeforum Die Unabhängigen, 23.3.2017, 17.30 Uhr

Das Buch: Gomringer: Moden. Voland & Quist, Dresden 2017, 64 Seiten, 18,00 Euro


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Die Rezensentin: Agnes von Laffert

 


 

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