Wut geht anders

Margarete Stokowski, Ronja von Rönne und Katrin Gottschalk sprechen im taz.studio auf der Leipziger Buchmesse 2017 über Wut und Feminismus.

»Eine Haltung zu haben bedeutet auch, dass man nicht ›eigentlich‹ für etwas ist, sondern wirklich.« Diesen Einstieg wählt Margarete Stokowski als Katrin Gottschalk, die Moderatorin auf der taz-Bühne, sie bittet aus ihrem Buch »Untenrum frei« zu lesen. Stokowski liest aus Kapitel sechs »Eine Poesie des ›Fuck You‹«. Es komprimiert den zentralen Gedanken in »Untenrum frei«. Fremdbestimmung ist falsch und muss abgelehnt werden und Feminismus ist nicht tot, bis auch der/die Letzte begriffen hat, dass 7 Prozent Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen nicht gottgegeben sind. Der Text ist bestimmt und entschlossen, er beschleunigt den Puls, ob aus Zustimmung oder Ablehnung des Inhaltes. Er provoziert. Aus der Wut und Ohnmacht gegenüber den Urteilen anderer entsteht ein Antrieb für die Autorin und den Leser. Diese schaffende Wut ist auch Ronja von Rönnes Motor, bestätigt sie Gottschalk gegenüber und revidiert ihre Aussage wieder prompt. Statt aus Wut einen feministischen Text zu schreiben, würde sie eher in einen Apfel beißen. Ihre Begründung: Man müsse bei der Meinung flexibel bleiben. Auch diese Haltung provoziert.

Wie das Publikum nicht auch dauerhaft wütend sein könne, möchte von Rönne wissen. Und tatsächlich keimt eine Unzufriedenheit bei den Rezipienten auf. Deren Ursachen sind weniger ideologischer, denn praktischer Natur. Es ist unfassbar laut auf der Messe, der Feminismus wird von einem benachbarten Messestand durch ein grauenhaftes und durchgängiges Klaviergeklimper sabotiert. Es gibt zu wenige Plätze, die Hälfte der Zuhörer steht und die drei Frauen auf dem kleinen schwarzen Sofa sind zu leise. Akustisch sind sie gut zu verstehen, doch ihr Auftreten ist zu leise. Sie beschwören mit Worten die Wut, die Eifersucht, den Kampf um die Weltherrschaft und die sexuelle Freiheit und sitzen dabei halb eingesunken auf der Couch. Stokowski rast durch Kapitel sechs, als sei sie getrieben von den Blicken des jungen, nahezu vollständig weiblichen Publikums und gibt den kräftigen Worten nicht die Zeit sich zu entfalten, die ein gepflegtes und inbrünstiges »Fuck You« bräuchte. Katrin Gottschalk stellt ihren Gästen immer wieder die Frage nach deren Wut und spricht mehrmals über den in der Türkei inhaftierten deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel. Beides verfängt nicht richtig. Weder wollen Stokowski und von Rönne ihre Top drei Beschwerden ans Leben nennen, noch geraten sie in Rage über die Beschneidung der Presse- und Meinungsfreiheit. Sie sind unzufrieden, ja, mehr aber auch nicht.

Der Zuhörer bleibt ratlos zurück mit der Frage worauf sich denn die Wut der Gäste spezifisch beziehen sollte und der Feststellung, dass seine Auffassung von Wut nicht die gleiche wie die der Autoren sein kann. Sie lächeln und scherzen viel, obwohl der Veranstaltungstitel versprach: »Fuck, fuck, fuck, fuck, fuck – Warum Lächeln keine Lösung ist«. Von Rönne und Stokowski hätten es satt »verarscht« zu werden. Sie fühlen sich von den Kritikern mit ihren Anliegen nicht ausreichend wichtig genommen. Der ausbleibende stürmische Applaus zeigt, dem Publikum geht es genauso. Wenn Ärger und Antrieb daraus entstehen sollen, dass dem Publikum Schlüsselbegriffe wie Donald Trump und AFD zugeworfen werden, dann dauert das mit der Revolution noch weitere 100 Jahre.

Einen Beitrag von Agnes von Laffert zu Ronja von Rönnes Buch »Heute ist leider schlecht« finden Sie hier.

Beitragsbild: Katrin Gottschalk (links), Ronja von Rönne (Mitte) und Margarete Stokowski (rechts) im taz.studio. © Daniela Schumann


Die Veranstaltung: Fuck, fuck, fuck, fuck, fuck – Warum Lächeln keine Lösung ist, Ronja von Rönne und Margarete Stokowski im Gespräch mit Katrin Gottschalk, Moderation: Katrin Gottschalk, taz.studio auf der Messe, 23.3.2017, 11.00 Uhr

Die Bücher:

  • Margarete Stokowski: Untenrum frei. Rowohlt, Hamburg 2016, 256 Seiten, 19,95 Euro, E-Book 16,99 Euro
  • Ronja von Rönne: Heute ist leider schlecht. S. Fischer, Frankfurt am Main 2017, 208 Seiten, 12,99 Euro, E-Book 9,99 Euro

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Die Rezensentin: Daniela Schumann

 


 

 

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