Wohnst du noch oder lebst du schon?

 Leonie Müller, Deutschlands wahrscheinlich bekannteste Zugnomadin, liest Ausschnitte aus ihrem Buch »Tausche Wohnung gegen Bahncard«.

Der historische Speisesaal der Buchhandlung Ludwig im Leipziger Hauptbahnhof schuf mit seiner hohen Decke, dem Stuck an den Wänden und den großen Fenstern, durch welche die Nachmittagssonne fiel, eine wunderschöne Atmosphäre für die Veranstaltung. Das Publikum erschien zahlreich und divers – Männer, Frauen, Jung und Alt. Das ungewöhnliche Konzept, das Leonie Müller in ihrem Buch »Tausche Wohnung gegen Bahncard« vorstellt, hat offensichtlich weitreichend Interesse geweckt.

Die vermutlich bekannteste Bahnfahrerin Deutschlands: Leonie Müller. © Gaby Gerster 2017

Bevor die Autorin mit ihrer Lesung begann, wurden wir von einer Angestellten der Filiale sowie einem Mitarbeiter der Deutschen Bahn begrüßt, die auch die Autorin noch einmal kurz vorstellten. Die Deutsche Bahn zeigte sich während der Veranstaltung omnipräsent: Das Logo des Unternehmens war auf den Aufstellern und Bannern, die über die Lesung informierten, zu sehen und auf dem Lesepult stand, geradezu demonstrativ, ein kleiner ICE. Auch in ihrem Buch schreibt Leonie Müller durchweg positiv über ihre Erfahrung mit dem Unternehmen. Ihre Liebe zum Verkehrsmittel Bahn begründete sie mit den Worten: »Die Bahn ist das schnellste Verkehrsmittel, mit dem man langsam unterwegs sein kann.«

© FISCHER Taschenbuch

Leonie setzte sich schließlich an den kleinen Tisch und begann freiweg zu plaudern. Was der Plan für diesen Nachmittag sei, dass Fragen und Meinungen auch während der Lesung gern geäußert werden dürften und dass sie in der Tat schon oft gehört hatte, dass es verrückt sei, die eigene Wohnung gegen eine BahnCard 100 zu tauschen. Wie es 2015 überhaupt dazu gekommen war, fasste sie zu Beginn noch einmal kurz zusammen – Auslöser war ein Streit mit ihrer Vermieterin – und las anschließend aus dem ersten Kapitel. Schon beim Lesen des Buches hatte ich mich durch die alltagsnahe Sprache gefühlt, als könnte ich sie direkt zu mir sprechen hören und tatsächlich klang ihre Stimme in der Realität wie in meinem Kopf. Sie las lebhaft und quirlig, manchmal aus Nervosität zu schnell, doch das schadete der Qualität nicht – die Atmosphäre wirkte dadurch sehr entspannt und natürlich. Die Autorin hatte sich nicht zum Ziel gesetzt, ausschließlich einen Reise- beziehungsweise Erfahrungsbericht zu schreiben. Stattdessen ergründet die Studentin in ihrem Buch Begrifflichkeiten wie Heimat und Zuhause oder gesellschaftliche Konstrukte wie den Wohnungsbesitz, betrachtet Alltagsroutinen kritisch und sucht eine Antwort auf die Frage: Warum sind wir eigentlich sesshaft geworden? (Eine zufriedenstellende Antwort hat sie darauf noch nicht gefunden.) Denn gerade das ist ihrer Meinung nach der Zauber des Reisens: Wir hinterfragen plötzlich Dinge, die wir vorher nie hinterfragt haben. Über Kapitel hinweg beschäftigt sie sich mit all diesen Begriffen und baut Erkenntnisse ein, die sie auf ihren Reisen gewinnt.

Die Seiten ihres Buches sind gefüllt mit viel Witz, Charme und einigen spitzen Bemerkungen hier und da, die nicht nur beim Lesen zum Schmunzeln führen, sondern auch bei der Veranstaltung für Lacher sorgten. Allerdings beziehen sich viele Referenzen auf die Lebenswelt junger Menschen Mitte 20. Die Hörer der älteren Generationen konnten gefühlt nicht viel mit 50 Shades of Grey oder Justin Bieber anfangen.

In der Diskussions- und Fragerunde am Ende wurden viele praktische Dinge nachgefragt, die im Buch kaum angesprochen werden. Leonie schreibt zwar, dass sie tagsüber im Zug gesessen, die Abende allerdings bei Freunden und der Familie verbracht hatte. Doch lustige Anekdoten, die ihr im Zug passiert sind, Geschichten von Fremden, die ihr begegneten, unerwartete Schwierigkeiten oder neue Möglichkeiten beziehungsweise ihr Alltag im Zug kommen auch für mich überraschend kurz. Trotzdem erreicht Leonie Müller ihre Zuhörer – nach der Lesung sucht eine junge Frau neben mir bei Google nach dem Schlagwort BahnCard 100.

Beitragsbild: Leonie Müller lauscht interessiert den Fragen aus dem Publikum. © Anne-Kathrin Wöhlbier


Die Veranstaltung: Leonie Müller liest aus »Tausche Wohnung gegen Bahncard« Vom Versuch, nirgendwo zu wohnen und überall zu leben, Buchhandlung Ludwig, 5.6.2018, 17 Uhr

Das Buch: Leonie Müller: Tausche Wohnung gegen Bahncard. Vom Versuch, nirgendwo zu wohnen und überall zu leben. FISCHER Taschenbuch, Frankfurt am Main 2018, 256 Seiten, 14,99 Euro, E-Book 12,99 Euro


 

 

Die Rezensentin: Anne-Kathrin Wöhlbier

 

 


 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.