Wo bleibt der Gag?

Großes Gelächter bei der Langen Nacht der Lesebühnen.

Man sagt, dass Sauerstoffmangel zu Gekicher und eingeschränkter Hirntätigkeit führt. Ob die schlechte Luft im UT Connewitz dazu beigetragen hat, dass das Publikum fast hysterisch nach jedem Satz loswieherte, darüber lässt sich nur mutmaßen.

Der große Saal des ehemaligen Kinos UT Connewitz war am letzten Abend der Buchmesse rappelvoll. Gäste lehnten gegen die Wände oder fläzten auf der Bühne hinter den Autoren, sodass eine beschauliche Wohnzimmeratmosphäre entstand. In der Mitte der Bühne saßen auf Sesseln und einem Sofa gemütlich Biere schlürfend Uli Hannemann, Kirsten Fuchs, Nadja Schlüter und André Herrmann. Der Abend begann vielversprechend, bis die Autoren nacheinander ans Mikrofon traten und ihre Texte rezitierten oder besser: runterbeteten. Die vorgetragenen Geschichten kreisten um Pointengaranten wie Kiffen, Furzen, ausländische Namen (bei »Cedric« oder »Lasse« tobte die Menge besonders) oder Stilldemenz. Das Publikum erwies sich als dankbarer Abnehmer der Sparwitze und brach bei jeder Soll-Lach-Stelle in Gejohle aus.

Uli Hannemann, der sein neues Buch »Wunschnachbar Traumfrau« vorstellte, begann seinen letzten Auftritt mit den Worten: »Mein Text wird euch die Stimmung vermiesen.« Und tatsächlich, als der ehemalige Taxifahrer das Kapitel »Dem Frohsinn in die Fresse« vorlas, kapitulierten selbst die zähesten Comedyfans. »Jetzt bin ich gespannt, ob ihr noch eine Zugabe fordert«, beendete der sympathische Berliner seinen Vortrag feixend.

Jammerschade, dass die Anzahl lesenswerter Kapitel in seinem Buch verschwindend gering ist. »Wunschnachbar Traumfrau« besteht aus kurzen Texten, in denen der Autor banale Alltagssituationen schildert. Seine Kernanliegen sind das möglichst witzige Schreiben ohne einen Hauch von literarischer Qualität sowie das Entlanghangeln von einer Pointe zur nächsten.

© Voland & Quist
© Voland & Quist

Nach zweieinhalb Stunden Gagfeuer verließen die Autoren die Bühne. Noch bevor jemand um eine Zugabe bitten konnte oder wollte, kamen Hannemann, Fuchs, Schlüter und Herrmann schon wieder zurück auf ihre Plätze, um weitere Erzeugnisse mit dem künstlerischen Wert von Facebook-Statusupdates abzuliefern.

Die vier schienen ihre Comedy-Hausaufgaben gemacht zu haben: auf keinen Fall Zeit zum Luftholen lassen, in der Diktion eines Roboters die Texte abspulen, nichtssagende Geschichten mit plumpen Pointen aufmöbeln. Zum Glück war das Publikum wild entschlossen, sich zu amüsieren und nahm jede Aufforderung zum Lachen dankbar an.

Beitragsbild: Uli Hannemann trägt seine Texte vor. © Helen Rode


Die Veranstaltung: Lange Nacht der Lesebühnen, UT Connewitz, 26.3.2017, 20 Uhr

Das Buch: Uli Hannemann: Wunschnachbar Traumfrau. Verlag Voland & Quist GmbH, Dresden und Leipzig 2017, 160 Seiten, 14,00 Euro


 

 

Die Rezensentin: Helen Rode

 


 

2 Gedanken zu „Wo bleibt der Gag?

  1. Vielen Dank für den Bericht. Dabei haben Taxi Fahrer doch normalerweise immer wirklich witzige Geschichten zu erzählen. Aber dem Sinn für Humor des Publikums scheint es ja entsprochen zu haben.

    1. Gern geschehen! – Die Meinungen über “lustig” gingen an diesem Abend wohl auseinander …
      Grüße von der Leipzig-lauscht-Redaktion

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