»Wir müssen selbst kämpfen!«

Der Übersetzer Ralf Ruckus von Zhang Lus Buch »Arbeitskämpfe in Chinas Autofabriken« gibt einen analytischen Einblick in die neusten Entwicklungen der Automobilindustrie und fordert Solidarität.

Die Bühne der linken Verlage auf der Buchmesse ist eine kleine, revolutionäre Höhle inmitten der riesigen Messehallen. Hier will man wirklich etwas wissen – so der Eindruck, der bewundernswert ist, denn etwas halbwegs Gescheites in diesem Messekrach zu sagen, gar ernstlich zu diskutieren, ist nicht sehr einfach und kommt selten vor. Der Übersetzer und Herausgeber Ralf Ruckus fasst souverän, beinahe stoisch in sagenhaften 25 Minuten zusammen, was die Soziologie-Professorin der Temple University of Philadelphia Zhang Lu in jahrelanger Forschung in ihrem neusten Buch »Arbeitskämpfe in Chinas Autofabriken« zusammengetragen hat.

© Mandelbaum Verlag

Man möge meinen, dies sei ein abseitiges Spartenthema, doch Ruckus weiß dem zu widersprechen, handelt es sich bei China immerhin um das Zentrum der globalen Autoindustrie, in dem VW und General Motors mehr produzieren als in ihren Heimatstaaten. Den Ursprung dieses Wirtschaftszweiges, der in den 1980ern durch ausländische Investitionen – VW ganz vorn dabei – einen Aufschwung erfuhr, verortet Zhang Lu in der maoistischen Zeit. Seit über zehn Jahren, so Ruckus, sei China der größte Produzent und Markt für Autos weltweit. Das Buch sei aber nicht nur eine historische Abhandlung über die Entstehungsdynamiken der chinesischen Wirtschaft, sondern konzentriere sich vorrangig auf die Arbeiterinnen und Arbeiter, ihre Arbeitsbedingungen und -kämpfe in den Fabriken. Ihre Tätigkeiten beschreibt Ruckus als monoton, repetitiv und vor allem davon gekennzeichnet, dass das Arbeitstempo stetig angehoben werde. Dies führe dazu, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fabriken im Durchschnitt zwischen 20 und 30 Jahren alt seien, da in einem höheren Alter der Mensch mit dem Fließband nicht mehr mithalten könne.

Ruckus zeichnet in der Folge eine Spaltung in der Belegschaft nach. So gebe es einerseits Beschäftigte mit befristeten Arbeitsverträgen, die das Unternehmen direkt anstelle. Ihre Löhne seien in der Relation relativ hoch: umgerechnet 600 bis 800 Euro im Monat. Auf der anderen Seite gebe es die Leiharbeiter, die aus Landarbeitern, Jugendlichen aus den Städten und Migrantinnen und Migranten rekrutiert würden, denen die reguläre Sozialhilfe des Staates verwehrt bleibe. Dazu zählt die Autorin Zhang Lu auch Praktikantinnen und Praktikanten, die Berufsschulen mittels des chinesischen Staates an die Fabriken sozusagen ausliehen. Ihr Gehalt: etwa 50 Prozent dessen, was Direktbeschäftigte erhalten, bei teils gleicher, teils unangenehmerer Arbeit. Ralf Ruckus erklärt, dass sich unter diesen Umständen in den letzten Jahren vermehrte Streikbewegungen breitgemacht hätten – zu Recht, laste das sogenannte Wirtschaftswachstum Chinas auf den Schultern vor allem dieser Fabrikarbeiter. Die Streiks und Demonstrationen seien aber vornehmlich von Inhaftierungen und direkten staatlichen Interventionen gezeichnet, was die kämpferischen Arbeiter mehrfach dazu veranlasse, bei ausländischen Gewerkschaften Unterstützung zu suchen, auch in Deutschland. Die Suche nach Solidarität in internationalen Kreisen entpuppte sich jedoch als Fehlspekulation, gab es von der hiesigen IG Metall und dem VW-Betriebsrat kaum eine Reaktion. Den Kampf, so Ruckus, müssten die chinesischen Arbeiterinnen und Arbeiter anscheinend allein ausfechten.

Beitragsbild: Die Autorin Zhang Lu. © Zhang Lu


Die Veranstaltung: Der Mandelbaum Verlag präsentiert mit Arbeitskämpfe in Chinas Autofabriken ein analytisches Schmankerl in seiner Reihe Utopie und Kritik.

Das Buch: Zhang Lu: Arbeitskämpfe in Chinas Autofabriken. Übersetzt und herausgegeben von Ralf Ruckus. Mandelbaum Verlag, Wien 2018, 436 Seiten, 20,00 Euro


 

 

Die Rezensentin: Lilli Helmbold

 


 

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