„Willkommen im Wohnzimmer“

Hajo Steinert bei Leipzig Liest

von Lena KastenmeierDer Liebesidiot_ Bild2

 

Beim Betreten des Café Steins direkt am Leipziger Markt ließ zunächst nichts darauf schließen, dass hier an diesem Abend etwas anderes als gemütliches Kaffeetrinken stattfinden sollte. Nachdem die Suche nach einer Art Lesebühne in der Mitte des Cafés erfolglos blieb, wies die Bedienung freundlich darauf hin: „Bitte hier lang, dort drüben ist für Gäste der Lesung reserviert!“

Eine kleine Nische direkt am Eingang war an diesem Abend für Hajo Steinert und diejenigen reserviert, die ihn beim Lesen aus seinem Debütroman „Der Liebesidiot“ erleben wollten. Es war kein abgetrennter Raum, in dem sich rund neun Zuhörer und der Autor zusammenfanden. Dennoch wirkte dieser Bereich neben der Bar mit seinen dunklen Möbeln, der indirekten Beleuchtung und den minimalistisch anmutenden, gerahmten Zeichnungen sehr gemütlich und privat. Dieses Gefühl schien auch der Autor zu haben, der nach der Ankündigung durch eine namenlose Dame mit gelbem Schal seine Lesung mit den Worten: „Willkommen im Wohnzimmer“ eröffnete.

Hajo Steinert ist kein Unbekannter in Autorenkreisen. Er ist Literaturkritiker beim Deutschlandfunk und schreibt regelmäßig Rezensionen für verschiedene Zeitungen. Diese Erfahrungen sowie der Zuspruch seiner Kollegen haben ihn letztlich dazu bewogen, sich nach langem Zögern selbst an das Schreiben eines Romans zu wagen. Das Ergebnis war „Der Liebesidiot“, dessen Hauptfigur vom Autor liebevoll als „Einzelgänger und Außenseiter“ charakterisiert wird. Die Geschichte handelt von Sigmund Seiler, einem alleinerziehenden Vater in den Fünfzigern, dem es schwer fällt, vergangene Liebschaften loszulassen. Nach all den Jahren begibt sich der Eigenbrötler nun noch einmal auf die Suche nach der großen Romantik.

Der Liebesidiot_foto

Ganz wie seine schrullige Hauptfigur Sigmund Seiler, der Sprecher von Beruf ist, las auch Steinert mit ruhiger, erfahrener Stimme Passagen aus seinem Buch vor, welche die Zuhörer mit der inneren Zerrissenheit des „Liebesidioten“ mitfühlen lassen sollten.

Die tiefe, beruhigende Vorlesestimme, die schummrige Wohnzimmeratmosphäre und die detailreiche, langsame Erzählweise ließen die Zuhörer gedankenversunken und leicht abwesend mit glasigen Augen vor sich hindämmern. Als Steinert nach einer halben Stunde das Buch vor sich zuklappte, schienen einige Hörer aus ihren Tagträumen zu erwachen – Tagträume, wie sie so manchen auch im heimischen Wohnzimmer vorm Kamin überkommen.

Der Autor und die Dame mit dem gelben Schal genehmigten sich nach dem Pflichtteil noch ein Gläschen Wein im gemütlichen Café Stein, welches an diesem Abend eine Ruheinsel im geschäftigen Treiben der Buchmesse war.

Die Lesung von Hajo Steinert war mit Sicherheit keine der spektakulärsten des diesjährigen Lesefestes, aber sie regte die Besucher doch zum Träumen an. Ob diese von den Abenteuern des Liebesidioten oder doch eher von den Abenteuern der kommenden Tage in Leipzigs Messehallen träumten, bleibt jedoch ungewiss.


 

 Buch: Hajo Steinert; „Der Liebesidiot“; Knaus Verlag; 19.99€

 Lesung: Hajo Steinert; Café Stein, Katharinenstraße 2, 04109 Leipzig (Zentrum); 12. März; 20 Uhr

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