Wie politisch soll Literatur sein? – Ein Wortwechsel

Die Schriftsteller*innen Jana Simon und Simon Strauß im Gespräch über Literatur und Politik im Societaetstheater Dresden.

Eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung ist das Foyer bereits voller Leute. Vielleicht kommen die meisten Leute immer so früh – ich weiß es nicht, ich komme sonst immer zu spät oder gerade auf Punkt – vielleicht liegt es auch an Jana Simon und Simon Strauß, die heute auf der Bühne sprechen werden. Jana Simon ist eine Enkelin der Schriftstellerin Christa Wolf. Selbst Journalistin und Schriftstellerin hat sie ein Buch geschrieben, das Gespräche enthält, die sie mit ihren Großeltern über zehn Jahre hinweg geführt hat. Simon Strauß ist der Sohn des Schriftstellers und Dramatikers Botho Strauß. Seit 2016 ist er Redakteur im Feuilleton der FAZ, im Jahr darauf veröffentlichte er sein literarisches Debüt »Sieben Nächte«. Eines dieser Exemplare klemmte über den Spätsommer zwischen meinen Berliner Doppelglasfenstern, damit frische Luft ins Zimmer kommt und dabei aber die Fenstertüren nachts nicht gruselig im Wind klappern. Ich habe auch die ersten Seiten des Buches gelesen. Dann wurde mir mein Schlaf wichtiger. Im Gegensatz zum Protagonisten brauche ich den auch. Der Protagonist – das ist ein junger Mann, der Angst vor der vorhersehbaren Geradlinigkeit seines Lebens bekommt – stürzt sich nämlich eine Woche lang in alle sieben Todsünden; also zur Erinnerung für alle anderen Schläfer: Hochmut, Habgier, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Trägheit. Soviel zu Simon Strauß und meiner bisherigen Bekanntschaft mit ihm. Von Jana Simon weiß ich noch weniger. Ich kenne auch niemanden der Gäste, die in Grüppchen beisammen stehend oder sitzend Weingläser halten und mit reifen Stimmen sprechen. Ich setze mich auf eine Sofakante und versuche unauffällig ins Nichts zu starren (ich habe letzte Nacht nicht viel geschlafen oder vielleicht liegt es auch an Mangel von Vitamin-D … ). Dann ertönt der Gong und ich begebe mich erleichtert ins blaue Dunkel des Societaetstheaters Dresden.

Simon Strauß beim Worte schießen © Hanna Forgber

Wie politisch soll Literatur sein? Diese Frage soll den heutigen Abend bestimmen. Auf der Bühne sitzen: links der Moderator Torsten König, rechts Simon Strauß, in der Mitte Jana Simon. Ist »Sieben Nächte« politisch?, fragt Torsten König. Nein, antwortet Simon Strauß, da hätte er sich mehr bemühen müssen. Es kämen zum Beispiel keine Parteien vor. Die politische Begrenzung, so Strauß, solle eng gehalten werden, und nicht auf alles übergestülpt werden. Nichtsdestotrotz haben viele Rezensenten das Buch als implizit politisch aufgegriffen, manche ordnen es als Unterstützung neurechten Gedankengutes ein. In der FAZ schreibt Strauß, es brauche mehr Akzeptanz von Autorität. Ist es nicht gefährlich, fragt Torsten König, die Anerkennung auf demokratische Kommunikation zu übertragen? In besagtem Artikel, so Strauß, habe er sich an Hannah Arendt orientiert. Es geht um den Nutzen, welchen Autorität für eine funktionierende Ordnung hat. Heute, wo wir sagen, jede Meinung ersetze Argumentation, so Strauß, ist diese Ansicht vielleicht eine Rückkehr dazu, dass das Individuum nicht alles ist. »Sieben Nächte« hat er jedenfalls nicht für die Rezeption geschrieben, sondern für sich, für seine eigene Emanzipation, so sagt er noch früher am Abend. Literatur müsse Ambivalenz und Widersprüchlichkeit enthalten, sie sei eine grundsätzlich andere Gattung als der Journalismus.

© Aufbau Verlag

Dahingegen findet Jana Simon es logisch, dass sich Literaten damit befassen, was gerade alles um sie herum passiert. Außerdem hätten Schriftsteller*innen oftmals eine moralische Funktion, wie sie beispielsweise Christa Wolf in der DDR zukam. Einmal, so Simon, als sie ein kleines Mädchen war, war sie bei einer Freundin zu Besuch. Beim spielen im Haus verirrte sie sich in das Schlafzimmer der Eltern. Dort sah sie ein Porträt ihrer eigenen Oma an der Wand hängen! Da fing sie an zu begreifen, was ihre Großmutter für viele Menschen bedeutet. Auf Torsten Königs Frage, wie ihre Großeltern das Verhältnis von Literatur und Politik reflektiert hätten, antwortet Simon: sehr eng. Doch als ihre Großmutter alt geworden war, sagte sie: Jetzt bin ich eine Stimme von vielen. Sie entwickelte ein Gefühl von Bedeutungsverlust, insbesondere im Vergleich mit der Zeit der DDR. Simons Eindruck ist, dass insgesamt die Sehnsucht nach Leitfiguren sehr groß ist.

© Ullstein Verlag

Was können wir als politische Tiere durch die Auseinandersetzung mit Literatur von dieser lernen? Am Schluss sind sich beide Schriftsteller*innen zumindest hierin einig – Jana Simon fasst es prägnant zusammen: Dass man erkennt, wie klein man ist.

Beitragsbild: Torsten König (links) mit Simon Strauß (rechts) und Jana Simon (Mitte) auf der Bühne © Hanna Forgber


Die Veranstaltung: Wortwechsel mit Jana Simon und Simon Strauß, Auftakt der Reihe »Gespräch über Literatur und Politik«, Moderation: Torsten König, Societaetstheater, Dresden, 28.01.2019, 18.30 Uhr


Die Bücher: Jana Simon, Sei dennoch unverzagt. Gespräche mit meinen Großeltern Christa und Gerhard Wolf. Ullstein Verlag, Berlin 2015, 288 Seiten, 9,99 Euro, E-Book 8,99 Euro; Simon Strauß, Sieben Nächte. Aufbau Verlag, Berlin 2017, 144 Seiten, 16 Euro, E-Book 7,99 Euro


Die Rezensentin:

 

 

Hanna Forgber

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