Wie man eine Sucht besiegt

Günter Märtens war jahrelang heroinabhängig. In seinem autobiographischen Roman erzählt er mit viel Witz von seinem Leben unter der Droge.

Wie ein Schwarm angriffslustiger Wespen, so fühle man sich, wenn man drogensüchtig sei und neuen Stoff brauche, meint Günter Märtens am Anfang der Lesung. Sein erstes Lied an diesem Abend ist genau von diesem Geräusch unterlegt, begleitet von Gitarre und seiner kräftigen Stimme. Mehrmals am Abend greift er zum Instrument, immerhin findet die Lesung in der Musikkneipe »Der ANKER« statt.

© PUNKTUM Bücher
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Im Mittelpunkt steht jedoch sein Roman »Die Graupensuppe«, der von seinem Leben als junger Mann in Hamburg erzählt. Märtens beginnt mit der Schilderung eines Apothekenüberfalls, unterbricht sich aber fast sofort, denn ihm fällt ein, dass auch im Publikum eine Apothekerin sitzt. Die solle das Geschriebene aber nicht zu persönlich nehmen, das sei auch alles schon verjährt. Mehrmals an diesem Abend wird die Apothekerin noch zu Rat gezogen und kann Auskunft über verschiedene verschreibungspflichtige Ersatzmittel für Heroin geben. Zwar spricht Märtens in lockerer Stimmung mit seinem Publikum und auch sein Buch schlägt einen amüsanten Ton ein, doch immer wieder macht er die Ernsthaftigkeit einer Heroinsucht deutlich. Beispielsweise erzählt er von einem Arzt, der Abhängigen für zehn Mark Valoron, ein morphiumähnliches Mittel, verschrieb. Märtens beschriebt dies als eine frühe Form der Substitution, die damals zwar nötig war, allerdings noch von niemandem legal angeboten wurde.

Märtens Geschichten bringen die Zuhörer auch zum Lachen, besonders wenn es um Musik geht. So berichtet der Autor von seinem ersten Plattenkauf im Alter von acht Jahren; die Rolling Stones hatten es ihm angetan. Weil das nötige Taschengeld fehlte, bot der Verkäufer kurzerhand einen Ratenkauf an, was seine Mutter entsprechend in Rage versetzte. Zudem erzählt er von ungefähr 30 Besuchen einer Hamburger Konzerthalle, die alle durch den Nebeneingang erfolgten, welchen er mit seinem Fahrradschuppenschlüssel öffnen konnte, bis er mit mehr als 20 Mitstreitern geschnappt wurde. Ebenfalls amüsant schildert er die Suche nach Eric Clapton in einem Hotel und dem folgenden Diebstahl der gesamten kulinarischen Köstlichkeiten, die auf dem Gang vor der Tür des Stars standen.

Die Musik war es auch, welche Märtens schließlich wieder vom Heroin wegführte. Er beschreibt die Tücke der Droge mit dem schleichenden Einfluss im Alltag, der immer mehr werde, sodass es kaum noch einen Ausweg gebe. Der beste Weg die Drogensucht zu besiegen, so Märtens, sei eine zweite Sucht, mit der man die Drogen aus seinem Leben drängen kann. In seinem Fall war das die Musik, für die er schon seit der Kindheit eine Leidenschaft entwickelte. Für Märtens wurde sie zum rettenden Anker, er tourte als Bassist unter anderem mit »Ulrich Tukur & die Rhythmus Boys« durch ganz Deutschland und hat schließlich die Sucht besiegt.

Beitragsbild: Günter Märtens an der Gitarre. © David Regner


Die Veranstaltung Der herausragende Bassist der Rhythmus Boys schreibt über Freundschaft, Verrat und Heroin, der ANKER, 24.3.2017, 20 Uhr

Das Buch: Günter Märtens: Die Graupensuppe: Eine Geschichte aus Hamburg. PUNKTUM Bücher, Hamburg 2017, 292 Seiten, 20,00 Euro


 

 

Der Rezensent: David Regner

 


 

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