Wie kann man so viel essen?

Der US-Generalkonsul Timothy Eydelnant liest einen Kinderbuchklassiker.

© Gerstenberg Verlag

»Guten Morgen«, begrüßt Frau Gieseler, Bibliothekarin der Georg-Maurer-Bibliothek Plagwitz, das Publikum. »Guten Morgen!«, antworten über 50 Kinder im Raum. Der ist von der strahlenden Sonne hell erleuchtet und bunt mit Tieren aus Papier dekoriert. Vorne steht ein Tisch mit einem Glas Wasser und dem Buch, das zu hören die kleinen Leute heute gekommen sind: Es ist die Geschichte einer allzu gefräßigen Larve. Die Geschichte der kleinen Raupe Nimmersatt.

Trotz der schweren Anfahrt – der Eingang ist durch eine Baustelle versperrt – haben es alle rechtzeitig in den Raum und auf ihre Plätze geschafft. Der Vorleser ist bereits da. Es ist der Generalkonsul der Vereinigten Staaten, Timothy Eydelnant. Er lächelt freundlich, als er den aufmerksamen Kindern vorgestellt wird. Er hat auch seine Praktikantin mitgebracht, und zwei Leibwächter, die zur Sicherheit die Türen bewachen.

Schon beginnt die Geschichte der kleinen Raupe. Dabei trägt Eydelnant sehr aufmerksam und deutlich vor, immer eine Seite, immer abwechselnd in Deutsch und in Englisch. Die Geschichte scheint ihm nicht unbekannt zu sein. Große Gesten erzählen davon, wie eine Raupe aus ihrem Ei schlüpft und dann innerhalb einer Woche immer mehr Früchte isst: Am ersten Tag einen Apfel, am zweiten zwei Birnen, und so weiter. Am Ende ist die Raupe satt, verpuppt sich und verwandelt sich zwei Wochen später in einen Schmetterling.

Kinderbuchautor und -illustrator Eric Carle. © Paul Shoul

Gleichzeitig wird die Erzählung hinten an einer übergroßen Ausgabe des Buches aufgezeigt. Es ist eine Leihgabe der Stadtbibliothek Leipzig, sogar persönlich vom Autor Eric Carle signiert. Von ihm stammen auch die wunderschönen Kollagen, die die Geschichte illustrieren. Anhand in die Seiten gestanzter Löcher kann man den Weg von Nimmersatt mitverfolgen. So lehrt das Werk seit fast 50 Jahren über die Natur und das Zählen. Damals verhalf es dem Illustrator zum internationalen Durchbruch und auch heute haben die Kinder immer noch Spaß daran, denn sie verlangen lauthals, das Buch noch ein weiteres Mal vorgelesen zu bekommen.

Eydelnant erklärt sich bereit und wiederholt die Geschichte, dieses Mal aber nur auf Deutsch. Jetzt zeigt sich auch, wie aufmerksam das Publikum aufgepasst hat. Am Ende jeder Seite sagen alle gemeinsam: »Aber satt war sie noch immer nicht«. »Wie kann man so viel essen?«, fragt selbst der Konsul. Anschließend dürfen die Kinder zeigen, welche der Speisen der Raupe ihnen besonders gut gefallen: Eiskugel, saure Gurke, Lolli, Früchtebrot. Dann schallt ein lautes »Melone« durch den Raum und fast alle melden sich.

Nach kaum mehr als einer halben Stunde ist die Veranstaltung auch schon zu Ende. »Wollt ihr noch etwas wissen?«, fragt Frau Gieseler und die Kinder antworten laut und einstimmig »Nein!« Zum Dank für seinen großartigen Vortrag erhält Eydelnant einige Zeichnungen und etwas Schokolade. Er teilt diese freudig mit den Anwesenden und kündigt an, mit anderen Büchern zum Vorlesen zurückzukehren. Das sollten sich alle Eltern vormerken – denn diese Lesung hat gezeigt, wie schön das werden kann.

Beitragsbild: Der Mond beobachtet das Schlüpfen der kleinen Raupe Nimmersatt. © Simon Kaleschke


Die Veranstaltung: Die kleine Raupe Nimmersatt. Lesung in deutscher und englischer Sprache mit US-Generalkonsul Timothy Eydelnant, Bibliothek Plagwitz »Georg Maurer«, 15.3.2018, 10 Uhr

Das Buch: Eric Carle: Die kleine Raupe Nimmersatt. Aus dem Englischen von Viktor Christen. Gerstenberg, Hildesheim 2009, 26 Seiten, 10,50 Euro


 

 

Der Rezensent: Simon Kaleschke

 


 

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