Wie aus dem bösen Wolf ein wunderschöner Flow wurde

Der WestSlam – ein zwangloses Kräftemessen junger Poeten im Neuen Schauspiel Leipzig.

Als ich im Vorhof des Konzertkellers des Neuen Schauspiels in Leipzig ankam, zeigte sich dieser bereits gut gefüllt – mit Freunden des gesprochenen Wortes und Freunden derjenigen, die dieses vortragen. Die Stimmung war ausgelassen, denn das warme Wetter trieb den Besuchern nicht nur den Schweiß auf die Stirn, sondern zauberte ihnen auch ein Lächeln ins Gesicht und die Vorfreude auf die bevorstehende Veranstaltung stieg.

Der zweifache Poetry-Slam-Meister Bleu Broode, oder auch Nils Straatmann, führte durch den Abend – ein Battle talentierter Lyriker der Stadt, welche ihre eigenen Texte lasen und lebten: pur, echt, ohne Requisiten. Bleu moderierte wahnsinnig locker, sprach mit dem Publikum und ließ es sprechen, sodass schon in den ersten Minuten unglaublich viel gelacht wurde. Der kleine Konzertkeller ist gemütlich, gar lauschig, war aber vor allem eins: überaus warm. Und es sollte noch heißer werden, als uns die wortgewandten, witzigen und geistreichen Texte der Poeten um die Ohren flogen. Doch bevor der Spaß so richtig anfing, zauberte Bleu noch ein Ass aus dem Ärmel: die Poetry-Slammerin und Rapperin Leonie Warnke, welche in Teilen die Moderation unterstützte und darüber hinaus noch vier ihrer Songs schmetterte, um die Stimmung weiter anzuheizen.

Die neun Kandidaten traten jeweils in Dreiergruppen gegeneinander an, wobei das Publikum – mithilfe von Applaus – entscheiden durfte, welcher der Drei im Finale mit einem zweiten Text um den Sieg kämpfen sollte. Es gab jedoch eine Regel: respect the poets! Denn es waren keine Profis, die ihre Kräfte messen wollten, sondern Menschen wie Du und ich. Menschen, die den Mut hatten, sich anzumelden, sich auf die Bühne zu stellen – einige von ihnen zum ersten Mal in ihrem Leben – und die Sprache feiern wollten. Allein das verdient gebührenden Respekt.

Die Kandidaten und ihre Texte konnten unterschiedlicher nicht sein. Einige Teilnehmer zitterten regelrecht vor Aufregung beim Betreten der Bühne, andere hingegen schienen sich im Rampenlicht bemerkenswert wohl zu fühlen  und präsentierten ihren geistigen Erguss so facettenreich wie nur möglich. Doch etwas hatten alle gemeinsam: kreative, geistreiche, sprachgewaltige Texte und ganz viel Mut.

Neben Dialogen, die durch die Stimme einer Person eindrucksvoll gemimt wurden, diente auch das Märchen »Der Wolf und die sieben Geißlein« als Vorlage für einen Slam. Die Poeten erzählten über das Leben, über die Liebe und Erfahrungen mit Drogen, welche sie – hätten sie diese denn gesammelt – teilen könnten, so rein hypothetisch natürlich. Es ging um Freundschaft, um Prozesse des Denkens, Sprechens und Hörens. Sie äußerten sich über Angst, Hass, Grenzen, Respektlosigkeit und verlorenes Selbstvertrauen – auch unter dem Synonym des »bösen Wolfes« zusammengefasst.

Die drei Finalisten: Inga Hilbig, Lina Klöpper und Tobias Schiffner © Maxie Herzberg

Obwohl die Entscheidung wahrlich schwerfiel, bestimmte das Publikum die drei Finalisten Inga Hilbig mit ihrem Text »Christian«, Tobias Schiffner, welcher über seinen Urlaub in Thailand berichtete und Lina Klöpper, die zunächst mit einem Text über Drogen, die sie niemals genommen hatte, überzeugte. Letztere wurde im finalen Battle zur Siegerin des Abends gekürt, indem sie das repetitiv verwendete Thema der »Freundschaft« mit dem popkulturellen Einfluss von Filmen verwertete. Sie ging nicht nur mit einer Flasche Schnaps, sondern auch mit dem letzten Ticket für die Leipziger Stadtmeisterschaft am 1. Juni in der Distillery nach Hause.

Es wurde jedoch deutlich, dass nicht nur der Wettbewerb, sondern der Weg dahin das Ziel war: Das Fest für, durch und mit der Sprache, denn am Ende haben alle Kandidaten gezeigt, wie man aus dem »bösen Wolf« einen wunderschönen Flow macht.

Beitragsbild: Der Moderator Nils Straatmann, alias Bleu Broode und die Slamerin und Rapperin Leonie Warnke © Maxie Herzberg


Die Veranstaltung: Westslam – Der Poetry Slam der lokalen Slamszene! Moderiert von Bleu Broode, 31.5.2018, 20 Uhr.


 

Die Rezensentin: Maxie Herzberg

 

 


 

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