Westdeutsche Klischeekeule – Genug ist Genug

Eine Lesung von »Schnauze Ossi!« in der Ratstonne der Moritzbastei Leipzig.

© Gütersloher Verlagshaus

Als Reaktion auf das Werk »Schnauze Wessi – Pöbeleien aus einem besetzten Land« stellt man sich auf den 192 Seiten von »Schnauze Ossi! Zwei Wessis pöbeln zurück« permanent die Frage, ob man denn wirklich alles kommentieren muss. Der westdeutsche Mark Daniel und der ebenfalls westdeutsche Jürgen Kleindienst, die seit über 20 Jahren im Osten wohnen und heute als Leipziger Kulturredakteure tätig sind, lassen sich in 21 Kapiteln abwechselnd über Ostdeutschland und Gepflogenheiten aus. Dabei sind erstaunlicherweise fast alle der 45 bereitgestellten Stühle belegt. Da einige Gäste aber mit Umarmung begrüßt werden, liegt das wohl eher an freundlicher Solidarität. Vielleicht aber auch an der Tatsache, dass es zum Eintrittspreis von 5 Euro ein Buch umsonst gibt – sonst: 14,99 Euro.

Während man sich bei dem satirischen »Schnauze Ossi!« oftmals wundert, was das alles doch soll, tragen Daniel und Kleindienst ihre Kapitel mit einem angenehmen Schmunzeln auf den Lippen vor. Leider kommt nicht jeder Witz gut an – nachdem bei der »Faustregel: zu viel kalter Hund macht früher tote Oma!« alle gelacht haben, bleibt es bei der ironischen Aussage: »Das Werk sei zu gut für die Spiegel Bestsellerlisten« in der aus Stein gewölbten Ratstonne mucksmäuschenstill. Auch der »braune – pardon – grüne Rechtsabbiegepfeil«, der von der DDR übriggeblieben ist, entlockt den Anwesenden kein Lachen.

Mark Daniel. © Gütersloher Verlagshaus

Das Werk »Schnauze Ossi!« ist zum Schluss mit einem Quiz versehen, das die Ossi-Kompetenz entlarven soll. Als Belohnung auf 18 Fragen, die zwischen dem Vorlesen der Kapitel immer mal wieder gestellt werden: Vier kleine Flaschen Schnaps. Dies wird so kommentiert, dass man Mangelware ja kenne. Vor allem die Damen hinter mir lachen mir bei solchen total witzigen Aussagen lauthals in den Nacken. Ob ich jetzt taub bin? Vielleicht.

Beim nicht enden wollenden Kapitel über ostdeutschen Alltagsrassismus und Pseudo-Toleranz überspringt selbst Jürgen Kleindienst einige Passagen – verständlich. Aber wieso regen wir uns denn auf, immerhin trugen bis vor Kurzem zwei Ostdeutsche die wichtigsten Ämter im Land. Ergebnis der Quizfrage: Angela Merkel ist in Hamburg geboren. Trotzdem meinen beide – nach 27 Jahren voller Beschwerden und dem Exklusivrecht auf den Satz »Wir hatten ja nichts!«, dass es nun vollends genug ist.

Jürgen Kleindienst. © Gütersloher Verlagshaus

Nachdem sich die Lesung schon über eine Stunde in die Länge zieht, fragt Mark Daniel die Zuschauer auf der rechten Seite: »Habt ihr noch Bock?!« – Nein, denke ich auf der linken Seite, während befragte Personen leider mit »Ja« antworten. Was folgt, ist eine Lesung eines unveröffentlichten Kapitels von Jürgen Kleindienst – vier A4 Seiten. Aktueller Gemütszustand: aufstehen und gehen. Aber es dauert an. Danach ist wieder Mark Daniel an der Reihe, der es sich nicht nehmen lässt, aus seinem neuen Werk beachtliche fünf oder auch sechs Seiten vorzulesen, die sich wie 20 Seiten anfühlen. Ein Mann weiter vorne versucht auf den total gemütlichen Gartenstühlen eine angenehme Sitzposition zu finden, was sich in einem lautstarken Quietschen bemerkbar macht. Hinter mir gähnt jemand bereits zum dritten Mal in Folge und ich muss gestehen – ich fühle mit ihm.

Und dann kommt sie, die lang erwartete Erlösung mit den Worten »Wir machen jetzt Schluss.« Zum Glück – denn genug ist einfach genug. Und damit es vollständig endet, gibt es weitere Bücher nun für 3 Euro.

P.S. Karlsbader Schnitten sind etwas anderes als Toast Hawaii! Aber jetzt, wo das Buch verramscht wird, ist eine Korrektur der Quizfrage wohl nicht mehr notwendig.

Beitragsbild: © Gütersloher Verlagshaus


Die Veranstaltung: Mark Daniel und Jürgen Kleindienst lesen aus Schnauze Ossi!, Moritzbastei, 18.12.2017, 20 Uhr

Das Buch: Mark Daniel und Jürgen Kleindienst: Schnauze Ossi! Zwei Wessis pöbeln zurück. Gütersloher Verlagshaus, München 2015, 192 Seiten, 14,99 Euro, E-Book 11,99 Euro


 

 

Die Rezensentin: Lisa Norden

 


 

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