Wer bestimmt?

Lesung von zwei Kurzgeschichten über Selbstbestimmung. Aber wer bestimmt hier wirklich?

Es sollte um Konsens gehen. Laut Duden heißt Konsens »Übereinstimmung der Meinungen«. Aber wie kommt diese Meinung zustande? Und wenn man eine hat – wie teilt man sie anderen mit, damit man auch übereinstimmen kann?

Deshalb startete die Veranstaltung folgerichtig auch ohne Konsens, zumindest mit den Menschen, die sich verspäteten. Da waren diese zwei älteren Damen, die zehn Minuten nach Beginn noch in die sehr gemütliche »Feministische Bibliothek MONAliesA« stolperten. Eigentlich sei man schon voll, ist die Position der Veranstalterinnen – »uneigentlich« sei man gerade aber »extra« zwei Stunden zur Bibliothek gelaufen, erwiderten die Damen. Sie durften sich in die letzte Reihe setzen. Konsens hergestellt? Oder nur ein Kompromiss?

Zwei Autorinnen, Sibel Schick und SchwarzRund, lasen ihre Kurzgeschichten aus dem Sammelband »Freie Stücke – Geschichten über Selbstbestimmung«. SchwarzRund eine fiktive Geschichte über Klima, eine schwarze Protagonistin im Unialltag. Sie steht auf eine Weiße, aber fühlt sich damit unwohl. Auch ihr bester Freund hat sich grade so halb in einen Weißen verliebt. Aber worum geht es den Weißen? Vielleicht nur darum, sich selbst gegen Rassismusvorwürfe zu immunisieren, wenn auch nur unbewusst? Wer diesen Gedanken nicht nachvollziehen kann, und das sind statistisch gesehen sicher einige, die diesen Text gerade lesen, sei an dieser Stelle das Essay von Reni Eddo-Lodge »Warum ich nicht länger mit Weißen über Hauptfarbe spreche« ans Herz gelegt. Wer es mehr mit Bildern und einen Netflix-Account hat, die Serie »Dear White People«. SchwarzRund schreibt auf ihrem Twitter-Account, sie war »nur so halb zufrieden« mit ihrer Performance. Ich fand’s gut.

Sibel Schick hingegen erzählte ihre reale Geschichte – ihr Leben mit Schambehaarung, und wie sie ihr Leben lang gegen sie ankämpft. Also, nicht direkt gegen die Haare, vielmehr dagegen, sich überhaupt damit beschäftigen zu müssen. »Am liebsten hätte ich sie einfach nicht, aber ohne etwas dagegen tun zu müssen. Aber sie sind da«. Und andere Menschen, die sie seit ihrer Kindheit darauf aufmerksam machen und es problematisieren, dass es sie gibt, machen sie zum Problem. Ein, im Gegensatz zur Geschichte von SchwarzRund, sehr lustiger Text. Man fühlte mit Sibel Schick, und nach einer tollen Beschreibung der Geschichte ihrer Schambehaarung machte sie den Bogen: Woher rührt der Konsens, sich mit Schambehaarung so intensiv zu beschäftigen? Wer entscheidet hier eigentlich? Die, die sich »aus freien Stücken« entscheiden, ins Waxing-Studio zu gehen – oder die, die es problematisieren?

Nach der Lesung der beiden Texte konnten Fragen gestellt werden, aber entweder gab es keine, oder, und da schloss sich der Kreis, gab es keinen Konsens darüber, welche Fragen hier eigentlich so öffentlich gestellt werden durften. Wer noch Fragen hat, kann sie aber bestimmt per Twitter-Direktnachricht stellen.

Beitragsbild: Sibel Schick (links) und SchwarzRund (rechts). © Nico van Capelle


Die Veranstaltung: Sibel Schick und SchwarzRund lesen ihre Geschichten aus »Aus freien Stücken« oder?«. Feministische Bibliothek MONAliesA, 24.3.2019, 15 Uhr


Das Buch: Sonja Eismann, Anna Mayrhauser (Hg.): Freie Stücke. Geschichten über Selbstbestimmung. Edition Nautilus, Hamburg 2019, 160 Seiten, 16 Euro


 

 

 

Der Rezensent: Nico van Capelle

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